»Von Römer!« rief Aurelie leise, als sich Marion entfernt hatte, indem sie den Brief hoch hielt.

»Endlich, endlich!« fiel Sidonie ein, fügte jedoch sogleich betrübt hinzu: »Aber leider nur sein Brief und nicht er selbst!«

»Hören wir vor Allem, was er schreibt; zur Klage bleibt uns immer noch Zeit,« bemerkte Aurelie und öffnete den Brief, den sie alsdann mit der Prinzessin gemeinschaftlich las.

Und je mehr sie sich mit dem Inhalt des Schreibens bekannt machten, um so freudiger wurden ihre Züge, und als sie die letzten Worte gelesen hatten, stieß Sidonie einen Ruf angenehmster Ueberraschung aus.

»Nun, Sidonie, hatte ich nicht mit meiner Behauptung Recht?« fragte Aurelie, den Brief faltend.

»Gewiß! Denn während ich noch an seinem Besuch zweifelte, befand sich der Graf bereits hier. O, wie froh wie glücklich macht mich diese Gewißheit! Welcher schönen Zukunft darf ich entgegen sehen. In der Gewißheit seiner Nähe schwinden Sorgen und Trauer!«

Also rief die glückliche Sidonie mit leuchtenden Augen, indem sie die Freundin umarmte.

»Wie Du vernommen, ist er bedacht gewesen, sich Aufträge von Deinem Bruder für Dich zu besorgen, um den erwünschten Anlaß zu einem Besuch zu besitzen,« bemerkte Aurelie.

»O, mein Herz dankt ihm dafür! So darf ich ihn schon morgen erwarten!« rief Sidonie und bemerkte dann: »Schreibe ihm ein paar Worte und deute ihm meinen Wunsch an. Der Prinz pflegt nach dem Diner das Palais gewöhnlich zu verlassen und bleibt auch den Abend fort; wir haben von seiner Seite also keine Störung zu besorgen. Bezeichne ihm daher die Stunde, in welcher ich seinem Besuch entgegen sehe. Um seinen verlängerten Aufenthalt bei mir zu rechtfertigen, will ich meinen Bruder zu mir bitten lassen. Kommt der Graf um die angegebene Zeit, so bleiben mir vielleicht zwei Stunden des Alleinseins mit ihm, da, wie Du weißt, Leonhard selten vor acht Uhr zu kommen pflegt.«

»Es wird geschehen, meine liebe Sidonie, und um die Späher zu täuschen, kannst Du Römer in dem Blumenzimmer und später in Deinem Gesellschaftsgemach, wie gewöhnlich, empfangen,« entgegnete die stets fürsorgliche Aurelie, die sich in dem Glück der Freundin selbst beglückt fühlte, ohne doch dabei die stets nothwendige Vorsicht zu vergessen.