Sidonie erklärte sich mit dem Vorschlage gern einverstanden, und auf ihren Wunsch setzte sich Aurelie sogleich an den Schreibtisch, um den Brief an den Grafen zu fertigen. Es gewährte Sidonien ein hohes Vergnügen, daran Theil nehmen zu können und, da sie ihm nicht selbst schreiben durfte, sich wenigstens in solcher Weise mit dem Geliebten zu beschäftigen.
Man lächle darüber nicht. Wer so innig liebt, wie Sidonie, wem die Freuden des Lebens so karg zugemessen sind, wie ihr, und wer sich in seiner Liebe so ganz mit dem Geliebten vereint hat, wie sie, dem ist schon das Unbedeutendste in seiner Liebe werthvoll und erwünscht. Und was wäre der wahren Liebe unbedeutend, sobald es sich auf den Geliebten bezieht! —
Lange noch nachdem der Brief gefertigt und abgeschickt worden war, beschäftigte dessen Empfänger die Freundinnen. Alles, was sie, namentlich Sidonie, zu dessen Erheiterung ersonnen, wurde nochmals in der ausführlichsten Weise besprochen und viele neue Dinge vorgeschlagen, und über diesen so liebevollen Bemühungen ging der trübe Tag, der dunkle Abend rasch dahin, vergaßen sie die Mittheilung des Barons, obgleich ihnen dieselbe nicht bedeutungslos erschienen war. Doch würden wir Aurelien Unrecht thun, wollten wir nicht erwähnen, daß, während Sidonie, von dem Glück der nächsten Stunde erfüllt, jener Angelegenheit auch nach der Trennung von der Freundin nicht mehr gedachte, diese durch dieselbe noch lange wach erhalten wurde; denn ihr erschienen des Barons Benehmen und Worte viel bedenklicher, als sie es Sidonien zu erkennen gegeben hatte. Sie war der Freundin behütender Engel, der, durch keine Leidenschaft bewegt, unablässig bedacht war, jede Gefahr von dem theuern Haupte abzuwenden, und so nahm sie sich vor, den Baron genauer zu beobachten und ihn vielleicht in einer geeigneten Stunde zum Verrath seiner geheimen Absichten zu veranlassen. Obgleich Aurelie sich dergleichen Erwägungen hingab, blieb ihrer reinen Natur dennoch der Gedanke des eigentlichen Zusammenhanges dieser Angelegenheit eben so fern, wie Sidonien.
Angenehmer war die Stimmung des Barons. Sidoniens Wohlwollen hatte ihn in hohem Grade beglückt, fast mehr noch ihre Worte, aus welchen er die Vermuthung schöpfen zu dürfen glaubte, daß sie seine Huldigung nicht nur erkannt hatte, sondern auch seine zärtlichen Gefühle für sie billigte. Ihre Antwort, nachdem er ihr des Fürsten Wunsch mitgetheilt hatte, erachtete er für weibliche Diplomatie, die geschickt die Wünsche umging, ohne diese doch ganz zu verhüllen. Er sollte errathen, was sie verschwieg. Mehr hatte er auch in der That nicht zu erreichen gehofft, aber er nahm die Ueberzeugung beim Scheiden von Sidonien mit, daß ein späteres reifliches Erwägen des Mitgetheilten und der Verhältnisse sie die ganze Bedeutsamkeit des letzteren erkennen lassen und sie ihm den Weg zu ihrem Herzen öffnen würde. Namentlich hegte er große Hoffnungen von dem Verrath des Prinzen und dessen Verhältniß zu Marianen, von der Ueberzeugung erfüllt, daß dieses und des Fürsten Beifall zu Sidoniens Neigung nur von den besten Wirkungen in seinem Interesse sein müßten. Von seiner Selbsttäuschung hatte er keine Ahnung und fühlte sich durch die, wie er meinte, sehr geschickte Weise, in welcher er die Angelegenheit der Prinzessin auseinander gesetzt hatte, sehr befriedigt.
Alle diese Umstände verleiteten ihn daher, dem Chevalier bei der nächsten Zusammenkunft die Versicherung des besten Erfolges seines Handelns zu geben. Er würde dies freilich gethan haben, wenn er sich dazu auch nicht berechtigt hielt; denn seine Eitelkeit war viel zu groß, um eine Niederlage einzugestehen. Boisière beeilte sich, dem Fürsten den erwünschten Bericht abzustatten, seinerseits nicht minder erfreut, seinem fürstlichen Gebieter durch seine Vorschläge einen so wesentlichen Dienst geleistet zu haben.
»Ich gestehe Ihnen, lieber Chevalier,« entgegnete der Fürst nach vernommenem Bericht, »daß ich in Bezug auf die Willfährigkeit der Prinzessin zum Eingehen auf diese Liaison noch mancherlei Bedenken hegte. Denn ich bin überzeugt, sie ist wirklich tugendhaft, wenigstens glaube ich, daß sie es war; freilich, sie wird zur Einsicht gelangt sein, daß man mit dergleichen Capital heutzutage nicht reussirt. Die Vorbilder hier am Hofe und vielleicht auch des Prinzen Treiben sind jedoch sehr geeignet, auch die besten Grundsätze zu lockern und umzustoßen. Was will auch eine schwache Frau? — Gegen den allgemeinen Strom zu schwimmen, ist mißlich und gewährt weder Vortheil noch Dank. Mit der Moral kommt man in der Politik wie in dem Alltagsleben nicht weit, und der herrschende Zeitgeist ist viel zu mächtig, um seine Widersacher nicht mit der Dornenkrone der Märtyrer zu zieren. Nicht der Einzelne, sondern die Allgemeinheit bestimmt, was erlaubt ist. Es ist mit der Moral wie mit der Mode. Das wird die Prinzessin wahrscheinlich eingesehen haben, und ich würde mich freuen, wenn dem so wäre. Lassen wir nun diese Sache ohne die geringste Beeinflussung sich ruhig entfalten. Ich selbst werde später Gelegenheit nehmen, der Prinzessin meine Wünsche, oder vielmehr meine Billigung zu ihrer Liaison anzudeuten, damit sie sich sicherer fühlt.«
Als der getäuschte Fürst also sprach, ahnte er freilich nicht, wie sich diese Verhältnisse so ganz anders gestalten und entwickeln sollten, als er voraus gesehen, ahnte er nicht, daß er durch das Eingehen auf des Chevaliers Vorschlag selbst in eine Lage gerathen könnte, die seinen Charakter in hohem Grade herausfordern und durch welche er verleitet werden sollte, alles Unheil über die edelsten Herzen zu verhängen.
Noch weniger ahnten diejenigen ihr Verhängniß, die unter duftenden Blumen ein süßes Wiedersehen feierten.
Sich nur der reinsten Empfindungen bewußt, schon reich beglückt, die Nähe des Geliebten theilen zu dürfen und durch eigenes Bemühen dessen Stunden mit den lautersten Freuden zu verschönen, genossen sie dieses Wiedersehen in dem Bewußtsein, keine Einbuße an ihrem sittlichen Gehalt zu erleiden, wenn sie auch die Verhältnisse nöthigten, sich des Geheimnisses als ein Mittel dazu zu bedienen.
Wir haben des Grafen edeln Charakter kennen gelernt und auch erfahren, daß er zum Wohl Sidoniens gegen seine Grundsätze sich für die Wiederkehr zu ihr bestimmte. Er gestand sich freilich ein, daß er damit auch dem Verlangen seines eigenen Herzens genügte, das seine Forderungen eben so sehr geltend machte, wie das Sidoniens. Aber wir haben auch erfahren, daß er hinreichende Willenskraft besaß, über seine Empfindungen zu herrschen, und zu entsagen, wo es die Nothwendigkeit gebot, und seine Wiederkehr lediglich durch die Ueberzeugung bestimmt wurde, der unglücklichen Geliebten die rettende und tröstende Hand zu bieten, um sie nicht in dem ihr bereiteten Kummer hinsiechen zu lassen.