In diesem Umstande fand der Graf die ihm so nothwendige Beruhigung hinsichts seines Handelns. Und so konnte ihr Wiedersehen nur ein glückliches sein.
Sidonie pflegte in der Winterszeit sich sehr viel in dem Blumenzimmer aufzuhalten, das ihr einen Ersatz für den Garten und Park bieten mußte.
Sie fühlte sich unter den Blumen und Pflanzen wohler als in ihrem Gemach, und ihre Vorliebe für diesen Aufenthalt hatte die sorgfältigste Pflege der Pflanzen und eine bequemere Anordnung in demselben veranlaßt. Es konnte also aus diesen Gründen ihr Verweilen daselbst um eine spätere Stunde nicht auffallen, und um so mehr glaubte sich daher Aurelie berechtigt, ihr diesen Ort zum Empfang des Grafen zu bezeichnen.
Ungefähr eine Stunde vor der zu dem letzteren bestimmten Zeit hatte sich Sidonie mit der Freundin dahin begeben, dem frohen Augenblick mit bewegtem Herzen entgegen harrend. Wie gewöhnlich vernahm man nicht das geringste Geräusch von dem Treiben der Bewohner des Palais. Der Prinz hatte das letztere bereits verlassen, und die in den Nebengebäuden wohnenden Personen, so wie die in dem Palais verweilenden Diener, gewöhnt, durch den Dienst um diese Zeit nur wenig in Anspruch genommen zu werden, suchten die Zeit durch Plaudern mit ihren Genossen angenehm zu verkürzen. Nur das leise Rauschen der Bäume im Park unterbrach die überall in dem Palais herrschende angenehme Stille.
Störungen durch Besuche hatte Sidonie nicht zu befürchten, da sie dergleichen um diese Zeit nicht erwarten durfte und nur an den Gesellschaftsabenden empfing, wenn sie es nicht, wie heute, für gut fand, eine Ausnahme davon zu machen.
Endlich verkündete eine in der Nähe befindliche Uhr die ersehnte Stunde, und Aurelie begab sich nach ihrer Wohnung, um den Grafen daselbst zu erwarten und von da aus, wie ehemals, Sidonien zuzuführen. Auch dieses Mal gelang es Aureliens Klugheit und Fürsorge, den Freund ohne jedes Aufsehen zu empfangen, worin die Dunkelheit des Abends sie überdies wesentlich unterstützte.
Bald stand der Graf Sidonien gegenüber, die lieberfüllten Blicke in ihre freudig erglänzenden Augen tauchend und die sich ihm bebend entgegen streckenden Hände mit den seinen umfassend.
Sie wußten, daß der Ausdruck ihrer Empfindungen nicht weiter gehen durfte, und hielten sich darum für sicher, durch die letzteren nicht überrascht zu werden, weil sie es nicht billigten, und dennoch folgte Sidonie dem sanften, vielleicht unwillkürlichen Zuge seiner Arme, dennoch sank ihr Haupt an seine Brust, dennoch hauchte der Graf einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn. Einen Augenblick jedoch nur faßte ihr Glück ein; alsdann erhob Sidonie das erröthende Antlitz zu ihm auf und schaute ihn an. Sie verstanden sich nur zu wohl, und wie abbittend neigten sich des Grafen Lippen auf ihre Hand, die er nicht lassen mochte. Dann führte er sie zu ihrem Fauteuil zurück und setzte sich neben sie.
»Sind Sie mir böse, daß ich mein Versprechen nicht zur rechten Zeit erfüllte?« fragte er, nur mühsam seine Bewegung beherrschend, die sich in seiner unsichern Stimme verrieth.
»Wie sollte ich?! Doch verhehle ich Ihnen die Betrübniß nicht, die ich darüber empfand. Doch jetzt ist ja wieder Alles gut. Sie sind hier und, was das Angenehmste ist, Sie bleiben nun bei uns für lange Zeit,« entgegnete Sidonie einfach, aber in einem so herzlichen Ton, der besser als ihre Worte das ganze große Glück bezeichnete, das ihrer Seele durch diese Gewißheit und seine Gegenwart gewährt worden war.