Durch Genüsse erschöpft, war der einst sehr schöne Chevalier nur noch ein Schatten von seiner ehemaligen Herrlichkeit. Er war sechzig und einige Jahre alt, sein Antlitz mit feinen Runzeln durchfurcht, der Mund wegen der Zahnlosigkeit eingefallen. Obgleich dürr und hinfällig, glänzte doch sein dunkles Auge lebensvoll und verrieth die Frische des Geistes, die ihm trotz seiner körperlichen Schwäche geblieben war. Er besaß eine feine Bildung, Geist und Witz, die er in einer angenehmen Weise geltend zu machen wußte, und war überdies in Haltung und Benehmen ein vollendeter Hofmann. Kleidung und Toilette waren stets sauber und geschmackvoll, ja der Chevalier verschmähte sogar Schminke und Schönpflästerchen nicht, um seinen graubraunen Teint zu verbessern und demselben einen jugendlichen Anstrich zu verleihen. Diese Sorgfalt war denn auch der Grund, daß er um zehn Jahre jünger erschien, als er es in der That war. Seiner geistigen Vorzüge, namentlich jedoch seiner Geschicklichkeit in Ausführung der angegebenen Dienste wegen schätzte ihn der Fürst ganz besonders und hatte ihn auch heute in seinem persönlichen Interesse zu sich rufen lassen.
»Nun, Chevalier, bringen Sie Neuigkeiten?« fragte der Fürst, den Eintretenden mit einem vertraulichen Kopfnicken begrüßend.
»Nichts von Bedeutung, mein gnädigster Fürst. Der Winter eignet sich eben so wenig zum Krieg wie zum Hervorbringen von anderen interessanten Vorgängen. Die Elemente wirken tiefer auf den Menschen, als er eingestehen will, und die Kälte und todte Natur schläfern die Leidenschaften ein; Winter und Alter verlangen nach Ruhe oder werden vielmehr durch die ersteren dazu genöthigt.«
»Wie ich hier, par exemple, nicht wahr? Und Sie wollten mich wahrscheinlich durch den Hinweis auf das allgemeine Naturgesetz mit meinem Leiden aussöhnen? Ich danke Ihnen, Chevalier, wenngleich ich Ihnen bekenne, sehr wenig Trost darin zu finden, da trotz alledem meine Schmerzen kein Ende nehmen wollen. Doch Sie haben noch etwas anzuführen vergessen, nämlich, daß die unfreundliche Jahreszeit uns auch unsere Sorgen ernster erscheinen läßt, als dies sonst zu sein pflegt.«
»Sollte das bei meinem gnädigsten Fürsten etwa der Fall sein?«
»Ja, Chevalier, und ich darf Ihnen meine Sorgen wol nicht näher bezeichnen, Sie kennen dieselben.«
»Diese beziehen sich also auf den Prinzen?«
»Natürlich; denn trotz aller meiner Bemühungen und alles Abwartens währt die unselige Trennung zwischen ihm und der Prinzessin fort. Ich sehe das Ende dieses Haders nicht und so mehrt sich die Sorge um die Thronfolge. Ich bin alt und krank genug, um an das Sterben zu denken. Der Tod kann mich überraschen, ehe die Erbfolge gesichert ist; da gebe es dann bei des Prinzen Charakter dereinst viel Unruhe und Gefahr, und diese möchte ich dem Staat gern ersparen.«
»In der That, ein übler Umstand,« bemerkte der Chevalier gedankenvoll.
»Ich bin überzeugt, die Prinzessin trägt keinen kleinen Theil der Schuld, daß keine Aussöhnung zu Stande kommt. Zwar war des Prinzen Treiben bisher allerdings nicht zu loben; er hat jedoch meinen Vorstellungen Gehör gegeben, wie ich zu meiner Freude bemerkt habe. Seit mehren Monaten verkehrt er fast gar nicht mehr mit der Residenz; die Debauchen haben aufgehört, und er lebt seit dieser Zeit ziemlich eingezogen und befleißigt sich der Staatsgeschäfte, ohne, so viel ich weiß, eine Liaison zu haben. Er hat sich also sehr zum Vortheil geändert, und dieser Umstand ließ mich mit Bestimmtheit die Herstellung eines guten Einvernehmens mit der Prinzessin hoffen; statt dessen höre ich, daß sie sich noch eben so fern als früher, ja man meint sogar, noch ferner stehen.«