»Nach den Mittheilungen der Baronin Mühlfels — die, wie mein gnädiger Fürst weiß, meine vertraute Freundin ist — muß ich diesen Umstand durchaus bestätigen.«
»Nun, da sehen Sie, Chevalier, wie die Sache steht, und werden erkennen, daß ich genöthigt bin, auf Mittel zu denken, diesem Uebel auf irgend eine Weise sicher zu begegnen!« rief der Fürst, durch das Vernommene sichtlich verstimmt.
Der Chevalier schaute bedenklich vor sich hin und der Fürst fuhr fort:
»An eine Trennung der Ehe mag ich nicht denken; ich scheue einen solchen Eclat, wobei der Prinz und ich selbst, da ich diese Ehe gestiftet habe, nicht eben gut fortkommen würden. Freilich ist an diesem Zerwürfniß mehr der Prinz als die Prinzessin schuld; denn es hätte Alles gut sein können, würde er die Prinzessin besser behandelt oder ihr die schuldigen Rücksichten geschenkt haben. Denn sie war anfangs ein stilles, geduldiges Wesen, bis es der Prinz zu toll machte, und nun ist sie uns über den Kopf gewachsen. Sie hat in der letzten Zeit eine Festigkeit und Selbstständigkeit bewiesen, die ich bei dieser zarten Frau nie erwartet hätte. So ist an eine Erfüllung meines Wunsches nicht zu denken, und das macht mich sehr besorgt und läßt mich auf Mittel denken, diesem Uebelstande in einer geeigneten Weise abzuhelfen. Was meinen Sie dazu?«
»Ich unterwerfe mich der Weisheit meines Fürsten,« entgegnete der Chevalier, das feine Spitzentuch an die Lippen führend.
»Ja,« fuhr der Fürst, von dem Interesse des besprochenen Gegenstandes erfüllt, eifrig fort, »ja, ließe sich der Prinzessin irgend eine bedenkliche Schwäche mit Bestimmtheit nachweisen, so würde man einen Anhaltpunkt für die Trennung gewinnen; so jedoch ist darauf nicht zu hoffen. Sie ist zu tugendhaft, oder besser gesagt, sie besitzt keine Leidenschaft.«
Der Chevalier hüstelte und ein feines, schlaues Lächeln umspielte seinen Mund.
»Ihre Mienen deuten mir an, daß Sie meine Ansicht über der Prinzessin Charakter nicht theilen,« bemerkte der Fürst, den Chevalier fest anschauend.
»O, Pardon, mein Fürst! Wie sollte ich nicht?!« fiel der Letztere ein, sich anmuthig verneigend, und fügte mit einem eigenthümlichen Ton und Blick hinzu: »Mein hoher Gebieter weiß, daß der Hof Ludwig des Fünfzehnten mich erzog und ich an demselben meine Erfahrungen über weibliche Tugend gesammelt habe; ein Bedenken über Ihre Besorgniß, mein Fürst, dürfte mir daher wohl gestattet sein. Ich meine, wir Menschen besitzen im Allgemeinen keinen Ueberfluß an moralischen Vorzügen, und aus dem einfachen Grunde, weil diese Vorzüge nicht beliebt, nicht amüsant und — auch nicht in der Mode sind. Dieses letztere ist sehr wichtig in Bezug auf die Frauen, namentlich auf diejenigen, welche das Glück genießen, die Luft des Hofes einzuathmen und aus ihren Elementen sich die Grundsätze zu ihrem Leben zu bilden. Damit wäre ich denn auch bei dem Tugend-Ueberfluß der Prinzessin angelangt,« schloß der Chevalier lächelnd.
»So nehmen Sie das letztere an, Mangel an Leidenschaft, gewöhnlich die Quelle unverdienter Tugenden!« fiel der Fürst ein, der durchaus Recht behalten wollte.