Das volle dunkle Haar, bereits geordnet, war, gegen die herrschende Mode, nicht durch Puder, noch durch die damals übliche hohe Frisur verunstaltet, sondern fiel in glänzenden Locken zwanglos auf Schultern und Nacken. Das Mädchen wiegte behaglich den Kopf hin und her, sprach und lächelte mit ihrem Spiegelbilde, wobei sie das Seidenmäntelchen allmälig abstreifte und zu Boden fallen ließ, und dadurch Büste und Arme von der Hülle befreite.
»Das bist Du selbst, die Mariane aus dem Walde, die man hier gnädiges Fräulein nennt und die es auch bald wirklich sein wird, vielleicht noch mehr. So sagt es der Prinz, und die Voisin meint es auch und erzeigt Dir großen Respect, und das will etwas sagen.« — Sie sprach das mit selbstgefälliger Wichtigkeit und fuhr, indem sie die mit seidenen Hackenschuhen bekleideten Füßchen gegen den Spiegel streckte und betrachtete, also fort: »So bist Du noch der ehemalige Waldvogel, wie der Prinz sagt, aber bald soll der Vogel verschwunden sein und das gnädige Fräulein zum Vorschein kommen. Pass’ auf!«
Und sie trippelte auf dem schwellenden Teppich nach einem chinesischen Tischchen, auf welchem sich allerlei Schmucksachen in zierlichen Etuis befanden, öffnete diese, stellte sie zusammen und ergötzte sich alsdann an dem Gefunkel der Edelsteine, Perlen und dem Glanz der goldenen Zierrathen.
»O, welch’ eine Pracht, welch’ eine Herrlichkeit, und Alles, Alles ist mein und dazu noch die schönen Kleider von Sammet und Seide!« Also rief sie mit freudigen Blicken, nahm darauf ein kostbares Halsband, eilte damit an den Spiegel, legte es sich um und bewunderte dessen Schönheit. Ebenso that sie mit einem Paar Armbändern und Ringen, ohne sich bewußt zu werden, wie wenig ihr knappes Unterkleid, das die Gestalt und die seidenen Zwickelstrümpfe nur zum Theil verhüllte, zu diesem kostbaren Schmuck paßte. Daran schien sie jedoch nicht zu denken. Und warum sollte sie auch? Einen Lauscher hatte sie in ihrer einsamen herrlichen Wohnung nicht zu fürchten; die dem Kamin entströmende Wärme und der rings verbreitete Wohlgeruch thaten ihr wohl: warum sollte sie sich also nicht nach ihrem Behagen die Zeit verkürzen. — Bis zu dem Besuch des Prinzen war es noch lange hin. Er wollte heute zwar früher als gewöhnlich kommen, um mit ihr das Diner einzunehmen, doch blieb ihr trotzdem noch immer Zeit genug zum Ankleiden übrig.
Nachdem sie in der angegebenen Weise eine Stunde und länger vertändelt und dabei die Schmucksachen angelegt hatte, klingelte sie nach ihrer Dienerin, um sich ankleiden zu lassen.
»Welche Robe und welches Unterkleid befehlen Euer Gnaden?« fragte das Mädchen.
»Sieh, das weiß ich selbst noch nicht; darum bringe vorläufig ein paar Anzüge her, ich will sie anlegen und sehen, welcher mir am besten gefällt,« entgegnete Mariane in durchaus anspruchsloser Weise und ohne die Herrin geltend zu machen.
Ihr Befehl wurde sogleich erfüllt und die Dienerin erschien nach wenigen Augenblicken mit den verlangten Anzügen, die Mariane der Reihe nach anlegte und von welchen eine ganze Menge ihren Körper noch nicht berührt hatten.
Bald war ein luxuriöser Reichthum an kostbaren Sammet- und Seidengewändern, nicht minder kostbaren Spitzengeweben und ein Ueberfluß an allen möglichen Toilettengegenständen vor ihr ausgebreitet, wozu endlich aus Mangel an Raum selbst der Boden benutzt werden mußte, und inmitten diesem Meer von Farben, Glanz und Pracht stand Mariane in dem Unterkleide da, ohne daß ihre Schönheit durch die Einfachheit desselben und die herausfordernde Umgebung beeinträchtigt wurde.
Jeder Anzug wurde vor dem Spiegel geprüft, um sich zu überzeugen, wie er ihr ließ, mit der Dienerin besprochen, Unter- und Oberkleider gewechselt, verschieden zusammengestellt, und Marianens Herz hatte an Alledem seine rechte Freude.