Aber nicht allein durch den Besitz so reicher Gewänder war diese Freude erzeugt, sondern die Eitelkeit und Selbstgefälligkeit hatten ihren guten Theil daran. Mariane war sich bewußt geworden, in dem Staat nicht übler auszusehen, wie die vornehmen Damen bei Hofe und in der Stadt, ja vielleicht noch viel besser und schöner. Denn sie brauchte keine Schminke, um ihrem Antlitz Frische zu verleihen, die hatte ihr die Natur gegeben; eben so wenig durfte sie das Augenlid dunkeln, damit der Blick glänzender erschien; ihr Auge funkelte und glänzte, wie die Diamanten in ihrem Halsband. Und die Robe durfte auch nicht zu tief fallen, um einen plumpen Fuß zu verhüllen, denn sie konnte nicht nur ihr Füßchen, sondern auch noch ein wenig von den Zwickelstrümpfen sehen lassen: Fuß und Bein waren darnach.

Alle diese angenehmen Erwägungen gingen ihr während des Anprobirens durch den Kopf, bis eine prachtvolle purpurrothe Sammetrobe, das kurz vorher empfangene Geschenk des Prinzen, ihr ganzes Interesse beanspruchte. Sie gefiel sich darin so außerordentlich, daß sie erklärte, dieselbe am heutigen Tage tragen zu wollen.

»O, Euer Gnaden nehmen sich darin wie eine Prinzessin aus!« schmeichelte die Dienerin, an dem Anzuge nestelnd und alsdann einen kostbaren Spitzenkragen hinzufügend.

»Und sieh nur, wie die Steine doppelt prächtig in dem Widerschein der Robe funkeln!« rief Mariane erfreut und sich in dem Spiegel betrachtend. »Ja, ich bleibe in dem Anzuge, will darin den Prinzen empfangen und mit ihm speisen. O, das wird ihm gefallen!«

Und so geschah es auch, nachdem die Dienerin sich bemüht hatte, den Anzug in der geschmackvollsten Weise zu ordnen.

Das eitle Kind vermochte sich von dem Spiegel nicht zu trennen, so sehr behagte es ihr in diesem prächtigen, anspruchsvollen Kleide, in welchem sie sich wie eine Prinzessin ausnahm.

Während sie sich in solcher Weise beschäftigte, entdeckte sie plötzlich, daß ihr Haupt ohne jede Zier war; das gefiel ihr durchaus nicht; aber sogleich machte sich ihre Vorliebe für Blumen geltend, und sie eilte nach einem mit den schönsten Blumen geschmückten Zimmer und pflückte sich hier, was ihr zusagte, und wand sich alsdann einen duftigen Kranz, den sie vor dem Spiegel sorgfältig auf das Haupt drückte.

O, wie herrlich paßte derselbe zu ihrem Anzuge! Wie viel schöner erschien sie sich jetzt selbst! Der Kranz erst hatte dem Anzug den rechten Abschluß gegeben. O, wie würde und mußte sie dem Prinzen gefallen!

Das Eintreten der Madame Voisin unterbrach sie in dem Betrachten ihrer Person.

»Was ist das, Fräulein?!« rief diese voll Ueberraschung aus, als sie den ungewöhnlichen Anzug sah.