Sie spielte noch einige Augenblicke ihre Rolle weiter: dann aber warf sie den Fächer auf den Boden, breitete die Arme aus und rief, indem sie sich an seine Brust sinken ließ:
»So, nun ist’s mit der Prinzessin genug! Hier, Hoheit, hast Du wieder Deine Waldtaube!« Und sie umschlang und küßte ihn, und als dies geschehen war, trat sie von ihm zurück und bemerkte:
»Jetzt betrachte mich noch einmal, Hoheit! O, wie bin ich glücklich, daß ich Dir gefalle und Du nicht böse bist, mich in diesem Anzug zu finden, wie die Voisin meinte!«
»Da irrte sie; denn Du gefällst mir über die Maßen und ich erkenne, daß Du dem Hofe alle Ehre machen würdest. Wer von unseren Damen könnte sich mit Dir vergleichen wollen, ohne vor Deiner Schönheit zurückstehen zu müssen! Jetzt bist Du nicht mehr der Waldvogel, sondern die Waldkönigin! Dir fehlt nichts, als ein Diadem, um das sich der Kranz schlingt, und das sollst Du haben und schöner noch als das der Fee!«
»O, Du gute, liebe Hoheit!« rief Mariane, durch die Aussicht auf ein so schönes Geschenk beglückt, und tändelte alsdann in der gewöhnten Weise mit dem Prinzen, bis Madame Voisin sie zum Diner einlud. Diese bediente sie bei demselben und es herrschte dabei die ungezwungenste Fröhlichkeit. Mariane beschäftigte den Prinzen durch unaufhörliche Fragen nach dem Hof und den daselbst weilenden Personen, namentlich den Damen, und dem Treiben daselbst. Nur seiner Gemahlin gedachte sie nicht, weil ihr der Prinz dies ein- für allemal verboten hatte. Nach dem Diner schlug der Letztere mit Marianen Ball, ein Vergnügen, das sie sehr liebte, worauf, als es dunkelte, er ihr Unterricht auf dem Klavier ertheilte und sich an der rasch angeeigneten Fertigkeit des Mädchens ergötzte.
Dann mußte sie ihre Lieder singen, die er mit dem Klavier begleitete. In solcher Weise ging ihnen die Zeit angenehm dahin, und indem wir bedacht gewesen, dieses Zusammensein näher zu bezeichnen, liegt die Frage nahe, warum der Prinz alle diese Bemühungen nicht lieber seiner Gemahlin darbrachte und sich darin glücklich fühlte?
Die Antwort hierauf dürfte lediglich in dem besondern Charakter des Prinzen zu suchen sein.
Sidonie würde von diesem Verhältniß ihres Gemahls wahrscheinlich nichts erfahren haben, hätte es Mühlfels in seinem Interesse nicht für zweckmäßig erachtet, ihr dasselbe zu verrathen.
Wie wenig Gewicht sie darauf legte, ist uns bekannt geworden, nicht minder, daß sie in dem Genuß ihres wiedergekehrten Freundes dieses Verhältnisses kaum noch gedachte, geschweige denn sich etwa weitere Aufklärung darüber von dem Baron geben ließ.
Der Letztere, mit dem eigentlichen Anlaß dazu nicht bekannt, wußte sich diese Theilnahmlosigkeit nicht zu deuten. Er hatte mit Bestimmtheit vorausgesetzt, die Prinzessin würde ihn mit ihrem Vertrauen beehren und sich mit ihm über diese Angelegenheit besprechen; dies geschah jedoch nicht, sondern Sidonie schien ihn vielmehr seit jener Unterredung eher zu meiden als zu suchen, wie das aus den bekannten Gründen wirklich der Fall war. Was seitdem noch seine ganz besondere Besorgniß erregte, war der Umstand, daß die Prinzessin ihn nicht mehr allein empfing, sondern stets in Gegenwart Anderer, ja es geschah sogar, daß sie sich durch Aurelie vertreten ließ.