»Ich freue mich, mein Fürst, mein Interesse hinsichts des Grafen von Ihnen getheilt zu sehen; ich bin gewiß, ein näherer Umgang mit Römer wird Ihnen die Ueberzeugung gewähren, wie sehr er dieses verdient.«
»Ihre Empfehlung des Grafen, ma chère Nièce, ist mir angenehm, weniger meinet- als Ihretwegen; denn ich erkenne daraus, daß Sie etwas auf den Grafen geben. Männer seiner Art pflegen im Allgemeinen bei den Frauen nicht sehr beliebt zu sein; die Wissenschaften und der Ernst sind nicht ihr Element; man weiß das ja,« bemerkte der Fürst leichthin.
»Sie werden, mein Fürst, über des Grafen Vorzüge und Wesen bald selbst ein Urtheil gewinnen; ich kann jedoch nicht umhin, die Versicherung auszusprechen, daß der Graf dergleichen mehr besitzt, als ihm die Welt zuzuerkennen beliebt. Am wenigsten ist er nur ein kalter Wissenschaftsmensch. Seine Vorzüge beruhen nicht nur in einer seltenen wissenschaftlichen Bildung, sondern auch in einem edeln Charakter und warmen, für alles Schöne und Gute empfänglichen Herzen. Der Ernst und die scheinbare Abgemessenheit in seinem Umgange mit ihm nicht näher stehenden Personen haben wahrscheinlich den Anlaß zu seiner einseitigen Beurtheilung geboten, und erst seine nähere Kenntniß verschafft uns einen wichtigen Einblick in seine edle, reiche Natur, wie ich mich zu überzeugen Gelegenheit fand.«
»So, so! Das ist mir lieb zu hören! Um so werthvoller und angenehmer wird Ihnen daher auch sein Umgang sein, und ich rathe Ihnen, einen so interessanten Mann recht, recht fest zu halten,« fiel der Fürst, der ihren Worten sehr aufmerksam gefolgt war, theilnehmend und unbefangen ein, indem er zugleich sein Auge prüfend über sie streifen ließ.
»So weit mir die Verhältnisse dies gestatten, bin ich darauf bedacht,« bemerkte Sidonie ein wenig erröthend.
»Seien Sie nicht zu bedenklich, Liebste! Der Welt sind Sie über Ihr Thun keine Rechenschaft schuldig, und wie ~ich~ in solchen Dingen denke, wissen Sie,« sprach der Fürst mit Betonung und blickte die Prinzessin bedeutungsvoll an.
Sidonie verwirrte dieser Blick; sie glaubte in demselben die Andeutung zu lesen, daß der Fürst bei ihr ein wärmeres Interesse für den Grafen voraussetzte, das entweder schon vorhanden war, oder etwa später entstehen könnte, und daß er ein solches nicht mißbilligen würde.
Zu einer weiteren Erwägung behielt sie jedoch nicht Zeit, denn der Beginn der Vorstellung veranlaßte den Fürsten, in seine Loge zurückzukehren. Sie that ein Gleiches, jedoch mit besorgtem Herzen. Je mehr sie des Fürsten Worte erwog, um so mehr glaubte sie sich in ihrer Voraussetzung nicht zu täuschen, und das steigerte ihre Unruhe.
Sie fragte sich, welche Gründe ihn dazu veranlaßt haben könnten, und gerieth auf den beunruhigenden Gedanken, ihre Liebe zu Römer könnte ihm wol gar verrathen worden sein und er wäre daher bedacht gewesen, sie im Hinblick auf ihr eheliches Zerwürfniß durch die Billigung desselben zu beruhigen. Vielleicht, so sagte sie sich, fürchtete er von ihrer Seite eine Anklage gegen den Prinzen und kam ihr daher absichtlich in solcher Weise zuvor, um ihr dadurch gewissermaßen die Berechtigung zu einer Beschwerde zu nehmen.
Dann aber erinnerte sie sich, daß er Aehnliches auch hinsichts Mühlfels’ gesagt und ihr dessen Umgang gleichfalls empfohlen, und gelangte dadurch zu der Voraussetzung, sich getäuscht zu haben und lediglich durch ihre Liebe zu Römer auf solche Gedanken geführt worden zu sein.