Der Fürst, sie wußte es ja genügend, war ein Feind aller Prüderie bei den Frauen, und so konnte es leicht geschehen sein, daß sie seinen Worten und Blicken eine viel tiefere Bedeutung unterlegte, als diese es verdienten.
Eine genauere Erwägung überzeugte sie immer mehr von ihrer Täuschung, und als die Vorstellung beendet und sie in das Palais zurückgekehrt war, beeilte sie sich, Aurelien, die sie an diesem Abend nicht in das Theater begleitet hatte, ihre Gedanken und Besorgnisse mitzutheilen.
Nach kurzem Ueberlegen stimmte die Freundin ihrer Ansicht bei, indem auch sie die Meinung hegte, Sidonie deute sich des Fürsten Worte in einem andern Sinn, als dieser es gemeint. Außerdem lag es nahe, daß Sidoniens Besorgnisse wegen eines Verrathes ihrer Liebe leicht eine solche Täuschung erzeugen konnten.
In solcher Weise beruhigten sich die Freundinnen allmälig, indem die Freude, Sidoniens Umgang mit dem Grafen von dem Fürsten nicht nur gebilligt, sondern sogar gewünscht zu wissen, darauf einen wesentlichen Einfluß ausübte.
In diesem Bewußtsein lag jedoch die sehr gefährliche Versuchung für Sidonie, sich in dem Umgange mit Römer fortan weniger Zwang als bisher aufzulegen. Sie erkannte dieselbe freilich nicht, und eben so wenig erinnerte sie sich, um wie viel mehr ein liebendes Herz derselben unterliegen könnte. Wie hätte sie auch in dem beglückenden Genuß, den ihr die Gegenwart des Geliebten bot, zu dergleichen Betrachtungen geführt werden können. — Mit inniger Freude sah sie dem Augenblick entgegen, in welchem es ihr gestattet sein würde, ihm die Unterredung und das Lob des Fürsten mittheilen zu können. Sie war überzeugt, ihm dadurch eine nicht geringere Freude, als die ihrige, zu bereiten.
Wie ganz anders wären ihre Empfindungen gewesen, hätte sie in das Herz ihres fürstlichen Oheims schauen können! — Hätte sie das zufriedene Lächeln bemerkt, mit welchem er sie nach jener Unterredung verließ!
Der erfahrene und scharfblickende Fürst hatte an der Wärme, mit welcher sie über den Grafen sprach, das nicht gewöhnliche Interesse errathen, das sie für diesen hegte, und daß es nicht die Vorliebe für den kenntnißreichen, sondern für den liebenswürdigen Mann sei, welche sie seinen näheren Umgang suchen und ihr diesen wünschenswerth erscheinen ließ. Die Frauen, sagte er sich, hängen sich stets an die Person; die rein geistigen Vorzüge erwärmen sie nicht genug und gewähren ihnen daher auch in den meisten Fällen nicht Befriedigung. Sie müssen stets mehr oder weniger lieben. Die Besonderheit der verschiedenen Geschlechter macht sich auch hier, wie immer, geltend.
Wir kennen des Fürsten eigenthümliche und in der That ganz besondere Wünsche und werden daher nicht überrascht sein zu erfahren, daß der Graf ihm für seine Absichten viel passender als der Baron erschien. Der Erstere sagte ihm überdies auch viel mehr als der Letztere zu, und so war es ihm höchst angenehm zu wissen, daß die Prinzessin zärtliche Gefühle für Römer hegte.
Er wiegte seinen feinen, geistreichen Kopf behaglich hin und her, indem er erwog, sich auch in den Voraussetzungen hinsichts der Prinzessin nicht getäuscht zu haben.
»Alles hat seine Zeit, besonders die Tugend der Frauen; das Naturgesetz ist mächtiger, als alle von den Menschen aufgestellten Moral-Gesetze. Gut, daß es so ist. So werden die wichtigeren Zwecke des Lebens erfüllt.« —