Also dachte der calculirende Fürst.

Viertes Kapitel.

Mühlfels saß einsam und unmuthig in seinem Zimmer, ohne den milden, sonnigen Tag zu beachten, der trotz der winterlichen Zeit hinauslockte. Seine Gedanken waren viel zu trüber Art, um neben ihnen etwa noch Raum für dergleichen Eindrücke zu gestatten.

Sein Unmuth und Grübeln waren nicht nur durch die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen, sich Sidoniens ihm früher geschenkte Gunst wieder erwerben zu können, hervorgerufen, sondern noch mehr durch das niederbeugende Bewußtsein, statt derselben nur noch durch eine kühle Beachtung abgefunden worden zu sein. Er sah sie nur noch in der Gesellschaft bei ihr, oder einer zufälligen Begegnung, ohne jedoch durch vermehrte Freundlichkeit beglückt zu werden.

Ebenso waren seine weiteren Bemühungen, sich Gewißheit über eine etwaige Neigung Sidoniens zu verschaffen, gleichfalls fruchtlos geblieben; denn weder in ihren Gesellschaften noch auf ihren Ausfahrten oder anderen Gelegenheiten hatte er in dieser Beziehung irgend etwas Wichtiges entdeckt.

Nicht anders war es seiner Mutter ergangen, und so befand er sich nach Ablauf von mehren Monaten noch eben so rathlos, als bei der früheren Unterredung mit seiner Mutter. Alle diese Umstände hatten sein Herz mit den bittersten Gefühlen erfüllt, und er erwog soeben, ob er an dem heutigen Abend, an welchem wie gewöhnlich bei Sidonien Gesellschaft war, hingehen sollte, oder nicht. Und dennoch sah er sich dazu genöthigt, da der von Sidonien erwartete Künstler angelangt war und sich bei ihr zum ersten Mal hören lassen wollte. Es würde aufgefallen sein, hätte er denselben der Prinzessin nicht persönlich vorgestellt, da er den Mann auf ihren Wunsch zum Besuch des Hofes veranlaßt hatte. Er durfte daher nicht fortbleiben und tröstete sich deshalb in der angenehmen Erwartung, wenigstens durch Sidoniens Dank erfreut zu werden und so Gelegenheit zu finden, sich ihr zu nähern.

Er wurde in seinem Grübeln durch das Glockengeläute eines vorüberfahrenden Schlittens gestört; ihm war dasselbe nicht unbekannt, und rasch erhob er sich und trat an das Fenster.

Er sah sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht; wie schon so oft, fuhr auch heute Sidoniens Equipage vorüber, in welcher die Prinzessin und Aurelie saßen. Sie machten bei der milden Witterung und schönen Eisbahn fast täglich eine Ausfahrt. Wie schön däuchte ihm Sidonie! Die Wangen von der frischen Luft ein wenig geröthet, Augen und Züge angenehm belebt, die schlanke Gestalt von kostbaren Pelzen umhüllt, erschien sie ihm schöner denn je, und sein Unmuth steigerte sich bei dem Gedanken, auf das Glück ihrer Zuneigung verzichten zu müssen, nur noch mehr. Der frohe, behagliche Ausdruck in ihrem Antlitz, der ihm nicht entgangen war, hatte ihn heute ganz besonders überrascht und führte ihn zu der Erwägung der auffälligen Veränderung, die seit kurzer Zeit sowol mit der Person als mit dem Wesen der Prinzessin vorgegangen war. Die frühere kränkliche Blässe ihres Antlitzes und der so lange darin bemerkbare kummervolle Zug waren verschwunden und an ihre Stelle größere Lebensfrische getreten. Eine angenehme Heiterkeit belebte ihre Züge und selbst ein Lächeln umspielte jetzt öfter ihren Mund und wies den früheren Ernst zurück. Mit einem Wort, ihm erschien Sidonie wie neubelebt und eben so sehr verjüngt als verschönt. Solche wesentliche Veränderungen konnten seiner Ansicht nach jedoch nur durch ganz besondere Umstände hervorgerufen werden, namentlich im Hinblick des eigenthümlichen Charakters und der übeln Lebensverhältnisse der Prinzessin.

Denn war es nicht eine auffällige Erscheinung, daß Sidonie, die früher durch des Prinzen Verhalten so sehr gelitten, jetzt, obwol dieser sie über seine neue Liaison gänzlich vernachlässigte, fast gar nicht zu leiden, sondern vielmehr von der besten Stimmung erfüllt zu sein schien. Man durfte das nicht bezweifeln.

Nach weiterem Erwägen gelangte Mühlfels zu der Ueberzeugung, daß dieser Widerspruch sich nur durch die Annahme eines geheimen Glücks, das Sidoniens Herz ganz erfüllte und sie alles Unangenehme übersehen ließ, gelöst werden konnte. Und so stimmte er der Ansicht seiner Mutter bei. Trotz dieser so richtigen Schlüsse muß es befremden, daß Mühlfels nicht den geringsten Argwohn hinsichts des Grafen hegte, sondern den Gegenstand von Sidoniens Neigung unter viel ferner stehenden Personen suchte.