Eine schmerzliche Ahnung hatte ihn ergriffen.

Sein Vater war bejahrt und daher ein übler Ausgang der Krankheit um so mehr zu fürchten, da der Arzt dieselbe bereits als bedenklich bezeichnet hatte.

Er durfte daher mit der Abreise nicht säumen, und so begab er sich bald darauf zu der Prinzessin, um ihr die traurige Botschaft zu bringen. Er wußte, wie sehr sie dadurch erschreckt werden würde, und war daher bedacht, ihr dieselbe in der schonendsten Weise mitzutheilen.

Mit dem ganzen Aufwand seiner Beherrschungskraft nahte er sich ihr; seine Erschütterung war jedoch viel zu tief, als daß er dieselbe hinreichend zu verbergen vermochte, die sein bleiches Antlitz und seine besorgten Mienen überdies verriethen.

Sidonien war die Veranlassung seiner Entfernung nicht entgangen und, gleich ihm von einer übeln Ahnung ergriffen, sah sie seiner Rückkehr mit Unruhe entgegen. Bei seinem Eintreten hatte ihr Auge sogleich in seinem Antlitz geforscht und seine tiefe Bewegung errathen, die sie mit der Gewißheit erfüllte, daß Römer irgend ein besonders wichtiges Ereigniß betroffen haben müßte. Ihre Liebe ließ sie die nothwendige Vorsicht vergessen. Als er nahte, ging sie ihm ein paar Schritte entgegen und erkundigte sich mit der sorglichsten Theilnahme nach dem Geschehenen.

Der Graf theilte ihr mit wenigen Worten die traurige Botschaft und seine Absicht, sogleich abzureisen, mit, und obgleich er dies in ziemlich ruhiger Weise that, wurde Sidonie dadurch dennoch so sehr bewegt, daß sie ihre warmen Empfindungen für ihn nicht zu verbergen vermochte. Der zärtliche Blick, mit welchem sie sein Auge suchte, hätte dazu schon hingereicht, wenn sich nicht in ihrem erbleichten Antlitz ihr großes Interesse für ihn zu erkennen gegeben hätte. Zwar kehrte ihre Besonnenheit rasch zurück, und sie bemühte sich, so viel als möglich unbefangen zu scheinen; leider zu spät, denn das Geschehene hatte ihre Empfindungen den sie Beobachtenden leider bereits verrathen.

Die gegenwärtigen Verhältnisse gestatteten ihr nicht, ihrem Herzen zu folgen und den Grafen allein zu sprechen und ihm ein Lebewohl zu sagen; gewaltsam mußte sie ihre Empfindungen in sich verschließen und sich von ihm in förmlicher Weise trennen, um dann noch eine kurze Zeit der Gesellschaft anzugehören.

Wir kennen Sidoniens heiße Liebe und werden daher die große Selbstverläugnung ermessen, zu der sie sich, um jedem Argwohn vorzubeugen, gezwungen sah. In dem Bewußtsein jedoch, sich, wenn auch nur für Augenblicke, verrathen zu haben, bot sie alle Kraft auf, den etwa erregten Verdacht über sich zu zerstören. Daher bemühte sie sich, so viel als möglich unbefangen und theilnehmend zu erscheinen, verharrte nach der Entfernung des Grafen noch eine längere Zeit in der Gesellschaft, und zog sich erst zurück, als sie ihre Kräfte gänzlich erschöpft fühlte.

In ihrem Gemach angelangt, brach der so lange verhaltene Schmerz über Römer’s Leid und seine ungeahnte Abreise mit ganzer Gewalt hervor.

»So mußte denn das Geschick meinem Hoffen und Glück ein so jähes, schreckliches Ende bereiten! O, der arme Bernhard! Wie sehr wird er leiden, und wer kann voraussehen, ob sein Leid nicht noch durch den Verlust seines Vaters erhöht wird!«