Also rief sie, in den Sessel sinkend, indem sich ihre Augen zugleich mit Thränen füllten.

»Wahrscheinlich erhalte ich in kurzer Zeit Nachricht von Römer; wir wollen hoffen, daß dieselbe tröstlich lautet,« beruhigte Aurelie, die sich bei Sidonien befand.

»O, möchte das der Himmel geben, um ihm und Allen das Herz zu erfreuen! Leider vermag ich eine solche Hoffnung nicht zu hegen; trübe Ahnungen eines schweren Unglücks, das ihn treffen wird, erfüllen mich.«

»Diese Besorgniß liegt allerdings nahe, denn des Grafen Vater ist bejahrt, und man muß daher auf Uebles gefaßt sein.«

»O, wie wenig darf der Mensch auf die Beständigkeit des Glücks hoffen! Und wie unbarmherzig ist das Geschick, ihm dasselbe gerade in einem Augenblick zu entreißen, in welchem ihn der Vollgenuß reinster Freude beseligt!« rief Sidonie in schmerzlicher Bewegung aus und fügte nach kurzer Pause hinzu: »Da ist der Sturmwind plötzlich über mein Paradies herein gebrochen und hat daraus alles Licht und Leben verscheucht, und nach kurzer Freude stehe ich wieder trauernd an den vernichteten Herrlichkeiten, die zu genießen ich mir so schön gedacht! Wann, wann wird die Zeit wieder kommen, die das Grab meines Glücks mit neuen Freudenkränzen schmückt und neues, frohes Leben daraus erstehen läßt?! Ach, ich wage nicht mehr Gutes zu hoffen! Wer so viel geduldet und so viel entbehrte, wie ich, dem scheint selbst die Hoffnung nicht mehr gestattet. Und mein Schmerz ist doppelt, da ich nun auch den Geliebten dem Leid preisgegeben sehe, einem Leid, das ihn mir nun wol für lange, lange Zeit, vielleicht für immer, fern halten wird!«

Sidoniens Klage war leider nur zu sehr begründet. Denn selbst bei einem glücklichen Ausgang der Krankheit war Römer genöthigt, in der Heimath vorläufig zu verweilen; starb sein Vater jedoch, so mußte sich sein Aufenthalt auf eine noch viel längere Zeit dort ausdehnen, da das Ordnen der Verhältnisse seine Gegenwart daselbst erforderte. Der Graf hatte die Pflichten eines Sohnes gegen seine Mutter zu erfüllen, die durch den Tod ihres Gemahls mehr denn bisher auf seine Pflege und seinen Beistand angewiesen wurde.

Sidonie erwog mit ihrer Freundin alle diese Umstände, auf welche sie Rücksicht zu nehmen hatten und die leider zu sehr geeignet waren, ihnen jede Hoffnung auf die baldige Rückkehr des Grafen zu nehmen.

Sidonie war überaus betrübt, und nur der Freundin Erinnerung, daß des Grafen innige Liebe sie nicht vergessen und bedacht sein würde, selbst die wichtigsten Hindernisse zu besiegen, um zu ihr zurückkehren zu können, tröstete sie ein wenig. Und mehr noch als die Freundin beruhigte sie die geheime Stimme ihres eigenen Herzens, die ihr sagte, wie innig der Graf sie liebte und wie sie seinem leuchtenden Auge das Glück abgelauscht, das er in ihrer Nähe empfand. Wie er ihrem Leben Reiz und Bedeutung verlieh, so war sie es auch, deren Liebe sein edles Herz mit süßer Freude erfüllte.

Und gewiß, so war es auch. Sie ahnte freilich nicht, daß noch andere Gründe den Grafen veranlaßten in ihrer Nähe zu weilen, und eben so wenig, daß er seinen Aufenthalt bei ihr nicht ohne Opfer erkaufte. Seine Familie und seine näheren Verwandten billigten nämlich seinen Besuch der fürstlichen Residenz nicht und wünschten überdies, er möchte sich endlich vermählen. Daß er dies trotz aller Erinnerungen dennoch nicht that, so wie seine früheren Reisen und noch andere Umstände hatten den Verdacht einer geheimen Liebe für die Prinzessin erweckt. Denn es muß hier bemerkt werden, daß trotz des Grafen großer Vorsicht, seine Neigung zu verhehlen, sich dennoch allerlei dunkle Gerüchte darüber in seiner Familie und unter seinen Bekannten schon seit langer Zeit geltend machten.

Sein wiederholter und längerer Besuch der Residenz und vor Allem sein näherer Umgang mit Sidonien schienen dieses Gerücht wesentlich zu bestätigen. Man hegte jedoch eine zu aufrichtige Theilnahme für den Grafen, um nicht zu bedauern, daß er sich einer Neigung opferte, die ihm weder ein wirkliches Glück verhieß, noch auch ganz gefahrlos genannt werden konnte.