»Nur ruhig und besonnen, mein Sohn! Bedenke, daß es in diesem Fall nicht gilt, die Liaison zu stören, sondern vielmehr, Dich durch sie vor dem Spott des Fürsten zu bewahren. Darum beherrsche Deine Leidenschaft und gieb allein der Klugheit Gehör.«

»O, Sie lieben nicht, meine Mutter, und können also auch nicht den Schmerz ermessen, der mich bei dem Gedanken meiner Niederlage ergreift!«

»Doch, doch, mein Sohn! Deine Ehre steht mir jedoch eben so hoch, als Deine Liebe; die erstere wol noch höher, und darum müssen wir bedacht sein, Dir dieselbe zu sichern. Ich wiederhole Dir daher meine früheren Rathschläge und bitte Dich inständig, dieselben genau zu befolgen, damit uns der gewünschte Vortheil nicht entgeht. Beherrsche darum vor allen Dingen Deine Leidenschaft und Deinen Unmuth; bemühe Dich, durch Dein Benehmen die Prinzessin von Deiner gänzlichen Unkenntniß ihrer Liebe zu überzeugen; verdoppele Deine Aufmerksamkeit für sie, wozu Du bei der Abwesenheit des Grafen leicht Gelegenheit finden dürftest. Heuchle ihr die tiefste Ergebenheit, ohne jedoch Deine Liebe zu verrathen, um ihr Vertrauen zu gewinnen, und ist Dir das gelungen, so denke ich, wird Dir auch mehr gelingen. Der Graf wird, ich bin dessen gewiß, früher oder später bestimmt zurückkehren und sich alsdann für Dein ferneres Handeln auch der geeignete Moment finden. Aber sei und bleibe beharrlich und geduldig, denn nur so vermagst Du Dir die gewünschten Erfolge zu sichern. Im gegenwärtigen Augenblick bleibt uns nichts Anderes zu thun übrig, als die Prinzessin im Geheimen zu beobachten. Gewiß werden zwischen ihr und dem Grafen Briefe gewechselt werden; vielleicht könnte man sich in den Besitz eines solchen setzen; das wäre ein großer Erfolg, denn mit einem solchen Beweis in der Hand ist Sidonie ganz in Deine Gewalt gegeben. Das bedenke, das überlege! Uebrigens dürfen wir auch den glücklichen Zufall nicht vergessen, der ja so oft wirksamer als alle Klugheit ist.«

In solcher Weise war die Baronin bedacht, ihren entmuthigten Sohn zu beruhigen und zu einem entsprechenden Handeln zu veranlassen, und ihre Mühe war nicht vergeblich. Mühlfels sah sich genöthigt, die Zweckmäßigkeit ihrer Rathschläge anzuerkennen, da ihm überdies unter den obwaltenden Umständen nur das Befolgen derselben gestattet war. Und als er ihr dies zu erkennen gab und sie ihn deshalb lobte, ergriff sie seine Hand und bemerkte in überlegenem Ton:

»Du theiltest früher meine Ansicht über der Prinzessin Neigung zu dem Grafen nicht; jetzt kann ich Dir vertrauen, daß ich dasselbe bereits geahnt habe, und muß Dir auch sagen, daß Deine Annahme, der Gegenstand von Sidoniens Liebe sei außerhalb des Hofes zu suchen, mich veranlaßte, die Hilfe meiner Freundin in dem Palais in Anspruch zu nehmen, durch die ich erfuhr, daß jener Reiter niemand Anders als der Graf war. Wir dürfen an der Wahrheit dieser Nachricht um so weniger zweifeln, da mir das Fräulein dieselbe aus der ersten Hand, nämlich von der Dienerin der Prinzessin selbst zu verschaffen wußte. Nach dem heute Erlebten erscheint mir das Zusammentreffen der Prinzessin mit Römer nicht mehr bedeutungslos; ich erkenne darin ein abgeredetes Spiel, das auf eine größere Intimität zwischen ihnen hindeutet.«

»Ich habe das gefürchtet,« fiel Mühlfels ein. »O, könnte ich den Räuber meines Glücks verderben!« fügte er hinzu.

»Keine Rachegedanken, keine Leidenschaft, mein Sohn, ich bitte Dich, bleibe besonnen! Nicht verderben sollst Du den Grafen, sondern sein begünstigter Rival werden. Um diesen Vortheil jedoch zu erlangen, darf von einem Verrath dieser Liaison — falls eine solche bereits bestehen sollte — nicht die Rede sein. Du mußt vielmehr der Freund des Grafen zu sein scheinen; denn durch einen Verrath zerstörtest Du Dir selbst alle Vortheile, die zur Erhaltung Deiner Ehre so nothwendig sind. Gelingt es uns, die untrüglichen Beweise von Sidoniens Schuld zu erhalten, so hast Du auch ein Mittel, sie zur Erfüllung Deiner Wünsche zu zwingen, und Du kannst nicht voraussehen, ob daraus für Dich nicht der Vortheil entspringt, daß sie Dir früher oder später vor dem Grafen den Vorzug giebt. Diese Voraussetzungen und Hoffnungen müssen für die Folge Dein Handeln und Benehmen bestimmen, und ich bin überzeugt, Deine Bemühungen werden nicht fruchtlos, sondern nach Deinen Wünschen sein. Ich bitte Dich, dies Alles genau zu erwägen.«

Ihre so klugen Worte verfehlten ihre Wirkung auf den Baron nicht; er gab ihr Recht und das Versprechen, nach ihrem Rath fortan zu handeln.

Aus diesem Gespräch entnehmen wir, daß es Sidonien trotz aller Mühe nicht gelungen war, ihre Liebe zu verbergen, noch auch den erweckten Verdacht zu zerstören. Ob dies nur in Bezug auf die Baronin und ihren Sohn der Fall war, die eifrig bedacht gewesen, sich nicht das Geringste in dem Benehmen und Wesen der Prinzessin an jenem Abend entgehen zu lassen, muß dahin gestellt bleiben. Jedenfalls zeigt die Sicherheit, mit welcher die Baronin ihre Schlüsse zog, wie auffällig Sidonie sich verrathen haben mußte.

In dem angenehmen Bewußtsein, für ihr künftiges Handeln nun die feste Bahn gefunden zu haben, schieden Mutter und Sohn in später Nacht von einander. Die Erstere sehr befriedigt, die Spur der wichtigen Angelegenheit entdeckt zu haben; der Letztere, zwar noch unmuthig, aber doch in so weit beruhigt, wenigstens eine Aussicht gewonnen zu haben, das heiß ersehnte Ziel, wenngleich auch auf Umwegen, vielleicht dennoch erreichen zu können.