Fünftes Kapitel.

Ohne die belebende und beglückende Nähe des Geliebten gingen Sidonien die Tage fortan in freudloser Einförmigkeit dahin, die für sie um so drückender war, da ihre Verhältnisse sie zwangen, in der gewöhnten Weise fortzuleben, ihre Gesellschaften zu geben und an den öffentlichen Vergnügungen Theil zu nehmen. Von dem Bewußtsein beängstet, ihre Neigung verrathen zu haben, glaubte sie im Einverständniß mit Aurelien ihre ganze Sorge darauf richten zu müssen, daß man ihr Benehmen gegen den Grafen an jenem Abend lediglich nur für herzliche Theilnahme halten sollte. Sie war daher bedacht, die nächste Gesellschaft bei sich so heiter als möglich zu gestalten und dabei selbst heiter zu erscheinen, und versäumte auch nicht, über das den Grafen betroffene Unglück zu sprechen und dabei ein warmes Interesse für ihn an den Tag zu legen. Ebenso unterließ sie nicht, im Theater zu erscheinen, ja, ihre Vorsicht ging so weit, daß sie selbst Mühlfels mehr als gewöhnlich in die Unterhaltung zog mit ihm und seiner Mutter über die Krankheit des leidenden Grafen sprach und ihnen über den Fortgang derselben Einiges mittheilte.

Ihre Absicht gelang ihr in den meisten Fällen vollkommen, und selbst Mühlfels gestand seiner Mutter, daß er an der Wahrheit der gemachten Entdeckung zu zweifeln geneigt sei.

Die Baronin antwortete ihm darauf jedoch nur mit einem überlegenen Lächeln; ihren Scharfblick vermochte Sidoniens Benehmen nicht zu täuschen; vielmehr erkannte sie dasselbe ganz richtig als ein Mittel zum Zweck und sah darin eine vermehrte Bestätigung ihrer Voraussetzung.

Aber sie sowol als ihr Sohn spielten die vorbedachte Rolle der Prinzessin gegenüber vortrefflich, und indem diese überzeugt war, ihren Zweck erreicht zu haben, ward sie selbst ein Opfer ihres Bemühens.

Diese Täuschung minderte allmälig die gehegte Sorge, die endlich vor den wichtigeren, ihre ganze Theilnahme herausfordernden Ereignissen schwand. Wie Aurelie erwartet hatte, lief schon nach einigen Tagen ein Brief von Römer bei ihr ein, der die betrübende Nachricht enthielt, daß der Tod seines Vaters in kurzer Zeit zu erwarten sei, da dessen Kräfte sichtlich schwänden und der Arzt alle Hoffnung auf Genesung aufgegeben hätte. Seines Schmerzes gedachte er nicht, noch klagte er über den so jähen Wechsel der anscheinend so glücklichen Verhältnisse. Doch trug er ihr viele Grüße an die Freundin auf, deutete darauf hin, daß er nun wol für längere Zeit von ihr fern gehalten sein würde, indem doch aus seinen Worten zugleich die Hoffnung sprach, sie dereinst wieder zu sehen.

Wie tief Sidonie durch diese und spätere Nachrichten, namentlich den bald darauf erfolgten Tod des Grafen betroffen wurde, darf kaum erwähnt werden. Ihr Leben war ja so innig mit dem des Geliebten verkettet, daß auch sein Schmerz der ihre war. Um so schwerer wurde es ihr daher, unter solchen Umständen die so nothwendige Unbefangenheit der Welt und ihrer Umgebung gegenüber zu behaupten; dennoch ließ sie in ihrem Bemühen nicht nach und dieses war auch in der That nicht ganz fruchtlos. Von Schmerz und Unruhe erfüllt, minderte sich jedoch bald die Frische ihres Antlitzes, und ebenso verrieth der betrübte Ausdruck desselben ihre Empfindungen, und die Baronin beeilte sich ihren Sohn darauf in dem angenehmen Bewußtsein aufmerksam zu machen, sich in keiner ihrer Voraussetzungen getäuscht zu haben. Durch diesen Umstand noch mehr in der Gewißheit von Sidoniens Liebe befestigt, war nun der Baron bedacht, sich ihr unter der Maske der tiefsten Ergebenheit wieder zu nähern, und es gelang ihm dies auch in der That so weit, daß ihn Sidonie nicht mehr wie früher absichtlich mied, sondern sich seine Bemühungen gefallen ließ. Mühlfels war ihr viel zu gleichgiltig und sein Benehmen gegen sie auch fortan so anspruchslos und zurückhaltend, daß sie zu der Annahme geleitet wurde, sich in ihrer früheren Beurtheilung über seine Gefühle für sie doch wol getäuscht zu haben. Ihre Trauer um den fernen Geliebten und die Vernichtung ihres Glücks war überdies auch viel zu groß, als daß ihr dergleichen Momente noch Interesse abzugewinnen vermochten.

So konnte es denn geschehen, daß sie ihre Empfindungen, wenn auch nur für Momente, selbst dem jetzt schlau operirenden Mühlfels verrieth.

In geschickter Weise lenkte er nämlich das Gespräch häufig auf den Grafen, indem er sein herzliches Bedauern über dessen Abwesenheit aussprach und daran das schmeichelhafteste Lob der hohen Vorzüge desselben knüpfte.

Ein solches, anscheinend durchaus unbefangenes Benehmen verfehlte seine Wirkung auf Sidonie nicht, und so erreichte Mühlfels zum Theil seinen Zweck.