Seine scheinbar herzliche Theilnahme that Sidonien wohl und verleitete sie, die nöthige Vorsicht zu vergessen und sich offener mitzutheilen, als dies gut war.

Mühlfels fühlte sich dadurch jedoch noch nicht befriedigt. Einzelne Andeutungen, die er von ihr vernommen, hatten ihm ihren früheren Umgang mit dem Grafen verrathen, und er wurde dadurch zu dem Entschluß geleitet, sich darüber in Sidoniens Heimath genügende Aufklärung zu verschaffen. Er sagte sich, daß der Besitz derselben ihm unter Umständen von großem Werth sein könnte. Er gedachte daher, sich in kurzer Zeit unter einem schicklichen Vorwand dahin zu begeben, ohne jedoch seine Reise weder Sidonien oder jemand Anders zu verrathen. Dieselbe mußte ein Geheimniß bleiben, damit Niemand eine Vermuthung von seinen Absichten gewann.

Was den von seiner Mutter vorausgesagten Briefwechsel zwischen Sidonien und dem Grafen anbetraf, so gelang es seinen Nachforschungen, zu entdecken, daß derselbe seine Vermittlerin in Aurelien gefunden hatte. Es kam nun darauf an, sich einen dieser Briefe zu verschaffen und den Inhalt derselben kennen zu lernen.

Dies gelang seinen unausgesetzten Bemühungen wirklich; indessen sah er sich getäuscht. Weder des Grafen noch Aureliens Briefe enthielten etwas von Bedeutung, wenngleich daraus auch Römer’s und Sidoniens Interesse für einander zu entnehmen war.

Er erkannte die große Vorsicht, welche die Schreibenden zu beobachten für gut fanden, und entnahm aus derselben um so mehr die Ueberzeugung eines geheimen Einverständnisses.

Der Prinzessin Name war in den Briefen niemals genannt worden, sondern sie wurde als Freundin bezeichnet, doch war unschwer zu erkennen, wer dieselbe sei. Ebenso verriethen des Grafen Andeutungen das wärmste Interesse für Sidonie. Dies genügte, Mühlfels und die Baronin in ihren Entschlüssen und Ansichten über diese Angelegenheit noch mehr zu befestigen. Um in den Betheiligten keinen Argwohn zu erregen, war Mühlfels bedacht, ihnen die unterschlagenen Briefe wieder zukommen zu lassen. In solcher Weise vorbereitet, ersah der Baron eine geeignete Gelegenheit und begab sich nach Sidoniens Heimath, und seinen eifrigen Nachforschungen daselbst gelang es in der That, Kenntniß von dem ehemaligen vertraulichen Umgang der Prinzessin mit dem Grafen zu erhalten. Ebenso erfuhr er der Prinzessin Schmerz und Weigerung, sich mit dem Prinzen zu vermählen.

Diese so wichtigen Entdeckungen waren mehr als hinreichend zu einer sichern und erschöpfenden Beurtheilung des gegenwärtigen Verhältnisses der Liebenden; ebenso wußte er sich jetzt auch Sidoniens Theilnahmlosigkeit für den Prinzen zu erklären. Bei seiner Rückkehr beeilte er sich, seiner Mutter über Alles Mittheilungen zu machen, und es darf kaum bemerkt werden, mit welcher großen Freude sie dieselben aufnahm.

Erfreut, jetzt mit größerer Sicherheit handeln zu können, war er entschlossen, dies ohne Säumen zu thun, worin ihm die Baronin durchaus beistimmte.

Sidonie sowol als Aurelie waren weit entfernt, die die Erstere bedrohenden Gefahren zu ahnen. Nicht das leiseste Zeichen verrieth, daß man Sidoniens Benehmen an jenem Abend anders, als sie es wünschten, gedeutet hätte. Was die Baronin und deren Sohn anbelangt, so wissen wir bereits, daß das Verhalten derselben sie vollkommen getäuscht hatte.

Diese Beruhigung that Sidonien in ihrer Trauer wohl, ebenso war es ihr angenehm, daß der Prinz sich durchaus fern von ihr hielt. Sie sah ihn nur selten, und auch dann stets zufällig, und erschien nur bei Hoffesten und Assembleen in seiner Begleitung, wobei dies nicht zu umgehen war, da es die Sitte also erheischte. Sie wechselten alsdann kaum einige Worte, Beide nur bedacht, dem Zwange sobald als möglich enthoben zu werden.