Aus dieser Ruhe der Trauer und Entsagung sollte Sidonie leider auf die empfindlichste Weise gestört und zugleich zu einem Schritt veranlaßt werden, an welchen sich die bedeutsamsten Folgen für ihr künftiges Geschick knüpften.
Der Winter war dem Prinzen in dem vertraulichen Umgange mit Marianen rasch dahin gegangen. Seine Zuneigung für dieselbe hatte sich während dessen nur noch gesteigert, und die Eingeweihten erstaunten über die Macht, mit welcher das einfache Mädchen ihn so dauernd an sich zu fesseln verstand. Denn man hatte seitdem nichts von einer neuen Liaison des Prinzen vernommen, obgleich das schöne Fräulein von Lieben die Gelegenheit nicht versäumte, sich und ihre Reize bei der Baronin dem Prinzen zu präsentiren. Dieser beachtete sie jedoch nicht und begnügte sich mit seinem Waldvogel, der ihm vor wie nach seine Lieder sang und in launigen Schelmstücken unerschöpflich war.
Zeigte sich jedoch das Mädchen in dieser Beziehung noch ganz so wie ehemals, so war doch bereits mit ihrem Charakter eine wesentliche Veränderung vorgegangen. Mit jedem neuen Tage den Einfluß mehr erkennend, welchen sie über den Prinzen ausübte, regten sich in ihr allerlei neue Wünsche, die der Prinz zu erfüllen sich beeilte.
Dieser Umstand mußte natürlich sehr bald dahin führen, ihr die früheren Belustigungen und Zerstreuungen mit ihren Vögeln und Affen, Spiel und Gesang langweilig erscheinen zu lassen und das Verlangen nach anderen Zerstreuungen in ihr zu erwecken.
Seitdem sie jenes prächtige Kleid getragen und der Prinz sie durch die Versicherung beglückt, daß sie schöner als die schönste Hofdame wäre, erwachte das lebhafte Verlangen in ihr, sich auch durch den Augenschein davon zu überzeugen.
Darum bat sie den Prinzen wiederholt, ihr zu gestatten, die Stadt und jene öffentlichen Vergnügungen, bei welchen sich auch Hofpersonen einfanden, zu besuchen. Ihre Bitte kam dem Prinzen sehr ungelegen, da für ihn, wie wir wissen, gerade in dem Geheimniß seines Umganges der eigentliche Reiz desselben lag. Erschien Mariane jedoch öffentlich, so mußte des Mädchens auffällige Schönheit die Welt zum Nachforschen veranlassen, und die Entdeckung dieses Verhältnisses konnte nicht ausbleiben.
Darum war er bedacht, sie durch eine Menge der kostbarsten Geschenke zu beschwichtigen, ohne jedoch seinen Zweck zu erreichen.
Mariane zeigte nicht die mindeste Freude darüber, sondern schmollte mit ihm und ihrer Umgebung, und bestand eigensinnig auf der Erfüllung ihres Verlangens. Sie that dies in dem Bewußtsein ihrer Macht über den Prinzen und wußte nur zu gut, daß er ihr früher oder später trotz seiner Weigerung dennoch zu Willen sein würde.
Und sie täuschte sich hierin in der That nicht.
Der Prinz war ein viel zu schwacher Charakter, um sich ihr gegenüber behaupten zu können. Er vermochte ihre üble Laune nicht lange zu ertragen und unterlag endlich in einer schwachen Stunde ihren verführerischen Bitten und Schmeicheleien. Er stellte jedoch die Bedingung, daß sie bei ihren Besuchen in der Stadt so einfach als möglich gekleidet erscheinen sollte, um jedes Aufsehen zu vermeiden, und war überdies bedacht, Madame Voisin, die Mariane bei diesen Ausgängen begleiten sollte, die genauesten Verhaltungsregeln zu geben, damit der von ihm gewünschte Zweck sicher erreicht würde.