Mariane ging mit Freuden auf alle seine Bedingungen ein und beobachtete genau seine Wünsche; trotz dieser bescheidenen Zurückhaltung zog das schöne Mädchen dennoch die öffentliche Aufmerksamkeit sogleich auf sich, und so geschah es, daß man sehr bald ihre Verhältnisse erforscht hatte. Dieser Umstand war jedoch nur zu sehr geeignet, daß die Welt ihr, wo sie sich zeigte, ein um so größeres Interesse schenkte.

Weder Marianen noch ihrer Begleiterin war dies entgangen; auf der Ersteren Wunsch wurde es dem Prinzen jedoch verheimlicht, da eine solche Nachricht ihn nicht nur unangenehm berührt hätte, sondern sie auch fürchten mußten, auf seinen Befehl die beliebten Besuche einzustellen.

Sie theilten ihm daher nur Erwünschtes mit und erreichten dadurch vollkommen ihren Zweck, indem der Prinz Marianen in dieser Beziehung fortan immer größere Freiheiten gestattete, da es ihm Freude bereitete, ihr Herz in solcher Weise erheitert zu sehen.

Das aber hatte das schlaue Mädchen nur gewollt; denn sie fühlte sich durch die erlaubten Genüsse durchaus nicht befriedigt, sondern ihre Wünsche waren noch auf ganz andere Dinge gerichtet.

Der Prinz erkannte die ihm gespielte Täuschung um so weniger, da Niemand die Pflicht und Neigung fühlte, ihn darüber aufzuklären, von der Vermuthung erfüllt, Marianens öffentliches Erscheinen habe seine Zustimmung. Seine Vorliebe, sein Verhältniß geheim zu halten, kannten überdies die Wenigsten. Die fröhliche Laune und Zärtlichkeit, der er sich seit Marianens Besuchen in der Stadt von ihr zu erfreuen hatte, waren ohnehin sehr geeignete Momente, ihn von jedem Forschen fern zu halten, indem er den Anlaß dazu lediglich in der ihr bewilligten Freiheit suchte.

Und das listige Mädchen sorgte dafür, daß sein Behagen in keiner Weise gestört wurde. Von Madame Voisin hatte sie keinen Verrath zu fürchten, da diese ihr mehr als dem Prinzen ergeben war; denn längst hatte diese Dame erkannt, daß ihre Zukunft lediglich von der Gunst der allmächtigen Favoritin abhing.

In solcher Weise gesichert, ging Mariane fortan unbekümmert ihren Neigungen nach, stets bedacht, ihre geheimen Wünsche bei der ersten sich zeigenden Gelegenheit zu befriedigen.

Mehre Wochen waren seitdem verstrichen. Der Frühling machte sich bereits durch Lerchengesang, knospende Gesträuche, die ersten Gartenblumen und eine milde Witterung geltend und hatte die Residenzbewohner in’s Freie gelockt, um sich zu Wagen, zu Roß und zu Fuß in der Stadt und den Anlagen zu ergötzen. Ueberall sah man ein reges, vergnügtes Treiben, das jedoch nicht allein durch das schöne Wetter, sondern zugleich auch durch den Umstand hervorgerufen worden war, sich am Abend einer ganz besondern Lustbarkeit erfreuen zu können, welche in dem von den vornehmsten Adelspersonen arrangirten Carrousselreiten bestand, zu welchem außer dem Hof auch das Publikum Zutritt hatte. Diese Vorstellung sollte in jeder Beziehung durch Pracht und Glanz ausgezeichnet sein, und so konnte es nicht fehlen, daß ein Jeder, ob Mitwirkender, ob Zuschauer, darauf bedacht war, den Erwartungen in der besten Weise zu entsprechen, und dadurch jenes bewegte Leben erzeugt wurde.

Schon lange vor dem Beginn des Schauspiels strömten die Zuschauer nach der zu dieser seltenen Vorstellung prächtig eingerichteten Reitbahn, ein Jeder beglückt, gegen hohes Eintrittsgeld einen Platz erhalten zu haben. Denn um ein vornehmes Publikum zu erzielen, war das Entrée sehr hoch gestellt, und trotzdem noch nicht einmal leicht zu erhalten.

Alle Räume der Bahn waren bald mit reich und glänzend geschmückten Damen und Herren besetzt, die in angenehmer Erregung dem Erscheinen des Hofes und dem Beginn der Vorstellung entgegen harrten. Wie gewöhnlich unter solchen Umständen belebte eine ziemlich laute Unterhaltung die in allen Farben, Sammet und Seide, Gold, Silber und Edelsteinen prangende Menge, und alle jene Beziehungen machten sich dabei geltend, wie sie der damalige frivole Zeitgeist bedingte.