»Ich versichere, es ist so!«

»Das machen Sie einen Andern glauben! Sie, der Begünstigte der Prinzessin, sollten nicht schon gestern Abend Gelegenheit gefunden haben, sie zu beruhigen?! Ah pah! Ich kenne die Frauen. Unter Umständen, wie die bekannten, suchen sie stets Trost in den Armen ihres Günstlings. Und das däucht mir auch durchaus praktisch. Unmuth und Zorn vergessen sich am leichtesten im Arm der Liebe.«

Mühlfels überwand eine augenblickliche Verlegenheit als Folge der von Boisière ausgesprochenen Voraussetzung, die ihm unter anderen Umständen sehr schmeichelhaft gewesen wäre, ihm jetzt jedoch die trüben Aussichten in dieser Beziehung leider nur noch fühlbarer machten. Er besaß jedoch viel zu viel Täuschungskunst, um sich zu verrathen und so der über ihn gehegten Meinung zu berauben, und darum beobachtete er ein gewisses zweideutiges Wesen, das durchaus geeignet war, des Chevaliers Voraussetzungen zu bestätigen. In den frivolen Ton desselben eingehend, bemerkte er:

»Sie werden Recht haben, lieber Chevalier; doch müssen Sie bedenken, daß Ihre Annahme nicht in allen Fällen zutrifft. Uebrigens spricht der Betheiligte von dergleichen nicht. — Sie verstehen mich.«

»Vollkommen, vollkommen, und ich versichere Sie, ich billige Ihren Tact, lieber Baron. Eine gewisse Façon muß bei Liaisons immer beobachtet werden. Es hat das sein Gutes, namentlich wenn eine hohe Person im Spiel ist,« entgegnete Boisière mit überlegenen Mienen. Bildete er sich doch ein, das Muster eines galanten Cavaliers zu sein, von welchem die jüngere Welt gern Rath annahm und sich nach ihm bildete.

»Doch unter uns, cher Baron,« fuhr er leiser und vertraulich fort, »ich denke, Sie werden etwas über der Prinzessin Befinden und Intentionen wissen, namentlich, wie sie die Geschichte aufgenommen hat. Sie dürfen meiner Discretion unbedingt vertrauen; denn Sie wissen, daß in diesem Fall von einer leidigen Neugier nicht die Rede sein kann. Der Fall ist von Bedeutung, und es ist mir von Wichtigkeit, in dieser Beziehung gut unterrichtet zu sein, um dem Fürsten Bestimmtes sagen zu können. Serenissimus hat die Scene im Schauspiel noch nicht erfahren und ich würde ihn damit nicht behelligen, falls die Prinzessin nicht beabsichtigen sollte, irgend etwas darin zu thun. Ist dies jedoch nicht der Fall, so darf ich ihn nicht in Unkenntniß darüber lassen; er würde das sonst sehr übel vermerken. — Sie erkennen, wie angenehm dem Fürsten unter den vorausgesetzten Umständen ein Mittel wäre, den etwaigen Ansprüchen der Prinzessin ein Paroli bieten zu können.«

Mühlfels erkannte das nur zu wohl, er erkannte aber auch die üble Situation, in die er gedrängt worden war und die ihm nur die Wahl ließ, seine Niederlage bei der Prinzessin entweder einzugestehen oder sich in der gespielten Täuschung zu behaupten. Daß er das letztere dem ersteren vorzog, verstand sich von selbst; es fragte sich nun, wie weit er gehen durfte. Aber er würde nicht ein Kind seiner Zeit, nicht der Vertraute eines ausschweifenden Prinzen, vor Allem nicht der eitle und ehrgeizige Mann gewesen sein, wäre er in diesem bedeutsamen Augenblick vor einer die Prinzessin entwürdigenden Lüge zurück geschreckt. Dazu war er viel zu leichtsinnig und von einer an Frechheit grenzenden Kühnheit erfüllt, die ihm in seiner bedenklichen Lage sehr zu Statten kam.

Mit der ihm eigenen Fertigkeit und Kaltblütigkeit hatte er das Alles schnell erwogen, hatte sich gesagt, daß dasjenige, was er zu erreichen bestrebt war, zu den Möglichkeiten gehörte und ihm dazu auch der Besitz des Liebesgeheimnisses Sidoniens ein wichtiges Mittel bot.

Warum sollte er daher die Täuschung nicht erhalten? Ueberdies beruhigte ihn die Ueberzeugung, daß Sidonie von Alledem niemals etwas erfahren würde; denn wer wol sollte sie damit bekannt machen? — Was zwischen ihm, dem Chevalier und dem Fürsten verhandelt wurde, blieb allen Anderen ein Geheimniß; er wußte es.

Alle diese Gedanken waren rasch durch seine Seele geflogen, ohne daß selbst der scharfblickende Chevalier eine Ahnung davon gewann und die augenblicklich von Mühlfels verrathene Bedenklichkeit lediglich für Vorsicht hielt, die unter den obwaltenden, so bedeutsamen Verhältnissen durchaus gerechtfertigt erscheinen mußte.