»Sie beabsichtigen, sich nach dem Befinden der Prinzessin zu erkundigen; ich war gleichfalls willens, mich aus diesem Grunde zu ihr zu begeben. Gestatten Sie mir, ihr an Ihrer Stelle den Gruß des Fürsten zu überbringen; ich habe besondere Gründe zu dieser Bitte, über welche ich mich nicht näher aussprechen möchte. Es ist aber gut, wenn die Umgebung der Prinzessin erfährt, daß ich ihr im Auftrage des Fürsten aufwarten möchte.« —
»Ich verstehe, ich verstehe!« fiel Boisière vertraulich ein und fügte dann hinzu: »Sie haben ganz Recht, lieber Baron. Man darf die Hofschranzen nicht zu sehr in die Karten blicken lassen; sie werden leicht lästig und gefährlich. — Sie wollten also?« —
»Die Prinzessin bei dieser Gelegenheit über ihre Absichten ausforschen, wie Sie es wünschen,« bemerkte Mühlfels.
»Vortrefflich, vortrefflich! Ich bin überzeugt, es wird Ihnen das ganz nach Wunsch gelingen.«
»Ich denke, lieber Chevalier,« entgegnete Mühlfels selbstgefällig und sicher.
»So will ich Sie verlassen, mein theurer Freund, und in einer Stunde wieder bei Ihnen vorsprechen, um das Weitere zu erfahren,« sprach Boisière und brach auf, indem er zugleich fortfuhr:
»Ja, ja, Ihnen wird das leicht werden, was mir wahrscheinlich trotz aller Klugheit nicht gelungen wäre. Sidonie ist stolz und verschlossen; doch der Liebe öffnet sich ja leicht und gern das Herz. Au revoir, cher Baron! In einer Stunde bin ich wieder hier.«
Mit diesen Worten und dem angewöhnten Hüsteln entfernte sich der Chevalier, und Mühlfels bereitete sich zu dem Besuch der Prinzessin vor.
Er war hinsichts seines Benehmens gegen den Chevalier mit sich sehr zufrieden, von der Ueberzeugung erfüllt, den klugen Kammerherrn vollständig getäuscht zu haben. Mehr noch als dieses erfreute ihn der Umstand, die so sehr gewünschte Gelegenheit zu dem Besuch der Prinzessin durch Boisière erlangt zu haben. Da er im Namen des Fürsten erschien, mußte sie ihn vorlassen, was unter anderen Umständen wahrscheinlich nicht der Fall gewesen wäre. Während er sich ankleidete, überlegte er sein Verhalten gegen Sidonie, namentlich wie er es einrichten sollte, ihre Absichten betreffs der bekannten Angelegenheit zu erforschen. Denn er sagte sich, daß das Gelingen seines Vorhabens nicht nur die Täuschung des Fürsten befestigen, sondern ihm auch in Bezug auf die Prinzessin bei diesem eine vermehrte Würdigung verschaffen müßte. Also vorbereitet, begab er sich zu Sidonien. Diese befand sich zufällig allein in ihrem Boudoir, als ihr die Meldung von Mühlfels’ Erscheinen gemacht wurde. Ihre Stimmung war nichts weniger als zu einer Unterhaltung mit dem Baron geeignet, da er jedoch als ein Bote des Fürsten erschien, sie auch vermuthete, er sei als Vertrauter des Prinzen absichtlich von dem Ersteren, vielleicht auch von dem Letzteren, zu diesem Auftrag ausersehen worden, überwand sie schnell ihre Abneigung und empfing ihn mit Freundlichkeit.
Dieser Umstand erhob den Muth und die Hoffnung des Barons nicht wenig, indem er darin zugleich ein gutes Zeichen für das Gelingen seiner Absicht sah.