Dies entging dem Baron nicht, und mit vermehrter Sicherheit und Wärme fuhr er fort:
»O, möchten Hoheit der Versicherung Ihres ergebensten Dieners ein wenig Glauben schenken, Sie würden ihn unendlich beglücken. O, ich habe es in jenem Augenblick erst ganz erkannt, daß es schmerzlicher ist, Diejenigen leiden zu sehen, denen unsere ganze Seele gehört, als selbst zu leiden. Klagen Hoheit mich nicht an, wenn ich das nicht früher that, was zu thun mich die Ehrfurcht und Verehrung für Sie drängte. Sah ich doch, wie Sie litten, schnitt es mir doch in die Seele, Sie einem solchen Wesen weichen zu sehen, Sie, die herrliche, hohe Frau, die über den heuchlerischen Larven des Hofes so hoch emporragt! O, gebieten Sie über meine schwachen Kräfte, Ihnen die gerechte Genugthuung zu verschaffen. Ich opfere Alles, Alles, meine Stellung, mein Leben, sobald Sie es fordern!«
Seine wohl berechneten Worte verfehlten ihre Wirkung auf Sidonie nicht; dieselben verriethen zu viel Aufrichtigkeit und Ergebung, um nicht glaubwürdig zu erscheinen und sie zugleich von Mühlfels’ gutem Willen zu überzeugen.
Die Arglose ahnte freilich nicht, wie viel Täuschung dabei stattfand, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie zur Mittheilung ihrer Absichten in dieser Angelegenheit zu veranlassen.
»Ich danke Ihnen, lieber Baron, für Ihre Ergebenheit, die mir sehr wohl thut; doch fern ist es von mir, das geringste Opfer von Ihnen anzunehmen. Was ich zu thun genöthigt bin, steht bereits in mir fest, und ich bedarf Ihrer Dienste dabei nicht; darum schätze ich jedoch Ihre Bereitwilligkeit, mir zu dienen, nicht minder. Auch zweifle ich nicht an Ihrem guten Willen, mir die gestrige üble Erfahrung zu ersparen, und erkenne, daß die besonderen Umstände mancherlei Rücksichten erforderten. Sie sind also in dieser Beziehung durchaus entschuldigt. Ueberlassen Sie alles Weitere mir. Ihr heutiger Besuch hat mir jede Hoffnung genommen, es könnte irgend welches Entgegenkommen stattfinden. Da ich darauf nun wol nicht rechnen kann, so bin ich genöthigt, persönlich zu handeln, und das will ich. Doch genug! Ich danke Ihnen nochmals, lieber Baron.«
Sidonie hatte in der Ueberzeugung von Mühlfels’ Aufrichtigkeit freundlich und wohlwollend und zugleich aufrichtiger zu ihm gesprochen, als sie dies unter anderen Umständen gethan haben würde. Als sie endete, reichte sie ihm als Zeichen des Dankes und der Entlassung die Hand.
Der Baron ergriff dieselbe und drückte sie an seine heißen Lippen, indem er zugleich, von seinen Empfindungen überwunden, vor ihr niedersank und in leidenschaftlichem Ton entgegnete:
»O, wie unglücklich bin ich doch, meine Dienste von Eurer Hoheit zurück gewiesen zu sehen!«
Sidonie entzog ihm rasch die Hand, die er noch immer hielt, und erwiderte in nicht eben angenehmer Ueberraschung über des Barons Verhalten mild und ruhig:
»Stehen Sie auf, Baron! Dieses Zeichen Ihrer Ergebenheit ist unpassend und ich liebe es nicht. Wenn es Sie beruhigt oder befriedigt, so verspreche ich Ihnen, falls ich Ihrer Dienste bedürftig sein sollte, dieselben nicht abzulehnen.«