Dieses Bedauern war um so lebhafter, da ihn sein Herz zu der so heiß Geliebten zog, die ihn, wie er wußte, mit Sehnsucht erwartete und aus seiner Nähe Trost und Muth schöpfte. Wenngleich Aureliens Briefe diesen Umstand nicht berührten, so bedurfte es dessen auch für ihn nicht, um Sidoniens Lage lebhaft mit zu fühlen und sein Verlangen nach ihrem baldigen Wiedersehen zu steigern. Doch verschloß er alle diese Empfindungen tief in seiner Seele und verrieth dieselben weder seiner Mutter, noch seiner Umgebung. Er kam Allen mit Milde und Güte entgegen und war stets bemüht, sie dadurch zu täuschen und den Glauben in ihnen zu befestigen, daß er sich in ihrer Mitte behaglich und befriedigt fühlte.
In der That, er täuschte Viele, jedoch nicht Alle. Wer vermöchte auch das Mutterauge in Beurtheilung ihres Kindes zu täuschen! Und so war es auch hier.
Die Gräfin hatte längst erkannt, daß die Liebe ihres Sohnes zu ihr durch eine geheime Sehnsucht getheilt wurde und seine scheinbare Zufriedenheit lediglich die Folge seines edeln Herzens war. Ebenso wußte sie, daß nicht der Ehrgeiz oder die Neigung für ein geräuschvolles Hofleben diese Sehnsucht erzeugten; ihr Sohn huldigte beiden nicht und fühlte sich in dem abgezogenen Leben wohl, das ihm Muße bot, seinen wissenschaftlichen Beschäftigungen nachzugehen. Es konnte also nur die Liebe die Ursache seiner Sehnsucht sein, und sie hielt diese Annahme um so begründeter, da ihr seine große Vorliebe für Sidonie schon seit Jahren bekannt war und überdies sein ganzes Verhalten darauf hindeutete. Hatte er ihr doch schon vor der Prinzessin Vermählung seine Zuneigung für diese verrathen, welche überdies die uns bereits bekannten Umstände und seine späteren Besuche des Hofes durchaus bestätigten. Ihn durch ihre Wünsche und Vorstellungen von dieser unglücklichen Leidenschaft abzuziehen, fruchtete, wie sie leider wiederholt erfahren, nichts, und so sah sie sich genöthigt, seinem Belieben alles Weitere anheim zu geben.
Wie manche im Geheimen geweinte Thräne zeugte von dem tiefen Schmerz, den sie über des so heiß geliebten Sohnes unglückliches Geschick empfand, eines Sohnes, der ihr ganzer Stolz und der Quell innigster Freuden war. Uebertraf er doch ihre anderen Kinder an Stattlichkeit der Gestalt, an Adel des Herzens und Fülle des Geistes, und war so reich mit Allem ausgestattet, um zu beglücken, wie seine Vorzüge ihn selbst zum schönsten Glück des Lebens berechtigten.
Sie kannte und liebte Sidonie, sie wußte, wie sehr dieselbe unter den Verhältnissen litt, und um so schmerzvoller war daher ihr Bedauern, zwei Herzen durch das Schicksal getrennt zu sehen, die für einander geschaffen zu sein schienen und deren Neigung, statt die Quelle des Glücks zu werden, ihnen die schmerzvollen Kämpfe der Entsagung auferlegte. Ihr Kummer darüber wurde überdies noch durch die Besorgniß vermehrt, es könnte diese Liebe ihrem Sohn Unheil bringen. Zwar von der Ueberzeugung erfüllt, daß der Graf wie die Prinzessin viel zu sittlich-edel waren, um sich irgend einer Schwäche hinzugeben, quälte sie dennoch die Furcht, die leider nur zu bekannten Hofintriguen könnten vielleicht früher oder später sich dieses Geheimnisses bemächtigen und in ihrem Sinn zum Schaden der Betheiligten ausbeuten. Diese Sorge lag, wie wir bereits erfahren haben, näher, als die Gräfin ahnte, und jene war es auch, die sie seine Rückkehr in die Heimath mit Freuden begrüßen und wünschen ließ, er möchte die Besuche an dem Hof für immer aufgeben. Darauf zielte auch die Andeutung einer Vermählung hin, und darum war sie unablässig bedacht, ihn an die Heimath trotz der Ablehnung ihres Wunsches zu fesseln. Das sorgende Mutterherz wollte den geliebten Sohn für immer gesichert wissen, und wenn sie auch erkannte, daß er unter dem Fernhalten von der Prinzessin litt, so erschien ihr dieses doch viel zu vortheilhaft für sein Interesse, um es nicht geduldig hinzunehmen.
Römer erachtete es für eine Pflicht gegen Sidonie und sich selbst, Aurelien seinen Entschluß, in der Heimath zu bleiben, und die Gründe dazu ausführlich mitzutheilen und sie zu bitten, die Prinzessin damit bekannt zu machen. Er schloß dabei die Hoffnung nicht aus, daß es ihm trotzdem später wol gestattet sein würde, wenngleich stets nur für kurze Zeit, die Residenz ab und zu zu besuchen, und verhehlte ihr den Schmerz nicht, den dieser Entschluß in ihm hervorrief. Er deutete jedoch auch auf die seiner Mutter schuldende Rücksicht hin und knüpfte daran die Ueberzeugung, daß Sidonie in seinem Fernhalten nicht einen Mangel an Liebe erblicken würde.
Aurelie hatte der Prinzessin seinen Entschluß in der guten Absicht vorläufig noch verschwiegen, sie nur allmälig darauf vorzubereiten, und so hoffte Sidonie von einem Tage zum andern auf Römer’s Rückkehr.
Wie schmerzlich sie seine Nähe in einem Augenblick vermißte, in welchem sie so tief litt, haben wir bereits erfahren, doch bemühte sie sich, ihre Empfindungen zu beherrschen, um den beabsichtigten Schritt mit der erforderlichen Ruhe thun zu können. Ihre Hoffnung, der Fürst oder der Prinz würde ihr durch ein Entgegenkommen den letzteren ersparen, erfüllte sich nicht, und so war sie genöthigt, den Fürsten um eine Audienz bitten zu lassen.
Obwol sie sich darauf vorbereitet hatte, bestieg sie dennoch mit Beklommenheit den auf sie harrenden Wagen, der sie nach dem Palais bringen sollte.
Der Fürst kam ihr mit Freundlichkeit entgegen, führte sie nach einem Fauteuil und fragte alsdann, nachdem auch er sich ihr gegenüber niedergelassen hatte: