»Also das ist es! Weil Ihr Neffe durch seine Ausschweifungen mir das Leben vergiftete, weil sein Beispiel am Hofe als Vorbild dient, weil die Tugend und Reinheit der Gesinnungen hier nur noch ein Schall sind, darum beliebt es Ihnen, mein Fürst, mich dem großen Haufen zuzuzählen und mir Vergehen anzudichten, die, so fern sie auch meinem Charakter liegen, von Ihnen dennoch als selbstverständlich betrachtet werden?! Wie bedaure ich Sie, daß Sie so allen Glauben an Menschenwerth verloren haben! Doch die Pflicht gegen mich selbst gebietet mir, Ihnen mitzutheilen, daß es der Baron gewagt, sich um meine Gunst zu bewerben, und ich mich in Folge dessen veranlaßt sah, ihn fern von mir zu halten. Ich würde mich dieserhalb bereits bei Ihnen beklagt haben, wenn er seine Neigung nicht unter dem Deckmantel der Ergebenheit verborgen hätte. Jetzt aber, nachdem er es trotz alledem wagte, Sie in solcher groben Weise zu täuschen und mich dadurch nicht minder zu beschimpfen, jetzt, mein Fürst, erwarte ich, daß er der gerechten Strafe nicht entgehen wird. Sie sind es sich selbst, Sie sind es mir, der Gemahlin Ihres Neffen, schuldig!«
Mit edler Würde und gesteigerter Wärme hatte Sidonie diese Worte gesprochen, und es schien ihr gelungen zu sein, den Fürsten zu überzeugen. Wir sagen, es schien ihr das; denn in der That machte sich trotz alledem der Argwohn in ihm geltend, daß Sidonie vielleicht nur bedacht war, sich, indem sie ihren Günstling, der sie verrathen hatte, opferte, in seinen Augen über den ihr gemachten Vorwurf zu rechtfertigen. Denn leider hegte der Fürst mehr Vertrauen zu Boisière, als zu der Prinzessin, die er überdies mit einer vorgefaßten Meinung beurtheilte, von den eigenen Ansichten über Menschenwerth befangen.
Dennoch übte ihre Vorstellung und ihr Verhalten eine gute Wirkung auf ihn aus, indem er sich durch dieselben zur Anerkennung ihrer Unschuld wenigstens vorläufig gezwungen sah. Eine nähere Untersuchung dieser Angelegenheit sollte ihm eine feste Ueberzeugung verschaffen. In diesem Vornehmen entgegnete er in mildem Ton:
»Ihr Verlangen soll erfüllt werden; ich werde selbst mit dem Baron sprechen. Sie sehen mich tief betrübt, in solcher Weise getäuscht zu sein. Doch, Sie wissen, das ist einmal das Loos aller Fürsten, und Sie dürfen es mir nicht verargen, wenn ich den Worten erprobter Diener Glauben schenkte. Sie sollen Genugthuung erhalten.«
»Ich danke Ihnen, mein gnädiger Fürst, und hoffe mit Bestimmtheit, daß dies auch in Bezug auf den bekannten Vorfall geschehen wird,« entgegnete Sidonie.
»Das ist in der That eine sehr üble Sache, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen darin dienen soll,« wandte der Fürst ein. »Was verlangen Sie?«
»Die Entfernung des Mädchens aus meiner Nähe,« sprach Sidonie bestimmt.
»Das wird den Prinzen aufbringen! — Wie ich höre, hängt er sehr an dem Geschöpf.«
»Ich dächte, mein Fürst, meine Forderung ist im Hinblick auf den erduldeten Schimpf sehr gering?«
»Gewiß, gewiß. Nun, wir wollen sehen. Das Beste wird es jedenfalls sein.«