Bald hatten sie den Pfad erreicht und blieben in der Absicht, sich von der Gegenwart des sie begleitenden Dieners zu befreien und ihre Verabredung zu verbergen, stehen und beriethen, ob sie den Pfad einschlagen sollten oder nicht.

Daß sie sich für den Gang erklärten, verstand sich von selbst, worauf der Graf den Diener beauftragte, sich zu den am Fuß des Berges haltenden Equipagen zu begeben und dieselben nach einem weiter liegenden Punkt zu bestellen, von wo aus sie sich derselben wieder bedienen wollten. Sie wandelten alsdann weiter.

Der Weg war bequem und zog sich auf einem bewaldeten Bergrücken bis nach dem Badeort hin fort und gewährte den Wandelnden die mannichfachsten Fernsichten. Hübsche Anlagen mit einladenden Ruhesitzen unterbrachen denselben. Was ihnen den Gang jedoch ganz besonders angenehm machte, war die ringsum herrschende, nur durch Vogelsang unterbrochene Stille und der Mangel an Besuchern, der ihnen den Vortheil gewährte, nicht beobachtet zu sein und sich ungezwungen an einander zu erfreuen.

Manches liebe Wort wurde gesprochen, dessen Quelle Liebe und Freundschaft war. Langsam gingen sie dahin, oft ruhten sie aus auf den einladenden Sitzen. So erreichten sie beim Abendschimmer die auf sie harrenden Wagen, und hier trennte sich der Graf von den Frauen in förmlicher Weise, nachdem er ihnen vorher bereits ein herzliches Lebewohl gesagt und seinen baldigen Besuch bezeichnet hatte.

Während Sidonie mit Aurelien nach ihrem Hôtel zurückkehrte, trat der Graf seine Rückfahrt an, wie er das ursprünglich beabsichtigt hatte.

Bald hüllte Dunkelheit die Gegend ein. Sidonie und Aurelie saßen auf dem Balkon und gedachten der verlebten Stunden und des Freundes, der sich auf dem Wege nach der Heimath befand, und die angenehme Hoffnung seiner baldigen Rückkehr milderte Sidoniens Schmerz über die Trennung von ihm. Ihr Herz war von süßem Glück erfüllt, das ihr der heutige Tag gebracht, dem sie in der Erinnerung nachhing und dessen Erneuung ihr die Zukunft verhieß.

Wir übergehen einen Zeitraum von vier Wochen, in welchem der Graf die Prinzessin durch seinen wiederholten Besuch erfreute, den er jedoch nur einmal auf mehre Tage ausdehnte; gewöhnlich pflegte er nur einen Tag daselbst zu verweilen. Es darf kaum bemerkt werden, daß sie bedacht waren, die ihnen zum Zusammensein gebotenen Stunden so viel als möglich auszunutzen, und darin durch die Abwesenheit jedes höfischen Zwanges wesentlich unterstützt wurden. Diese Umstände waren aber zu verführerisch, um sie nicht zu einem längeren Beisammensein im Hôtel und zu öfteren gemeinschaftlichen Ausflügen in die Umgegend zu verleiten. Zwar wurden dabei sowol von Seiten des Grafen als der Prinzessin alle üblichen Rücksichten beobachtet; trotz alledem verrieth sich dadurch jedoch die nähere Beziehung Römer's zu Sidonien, und die Badegäste fanden darin ergiebigen Stoff zu allerlei pikanten Bemerkungen. Wie man dergleichen Verhältnisse in jener Zeit beurtheilte, ist uns bereits bekannt, und wir bemerken nur noch, daß die Besucher des Bades sich veranlaßt sahen, in dieser Beziehung keine Ausnahme zu machen.

Römer traf mit Bieberstein noch öfter zusammen, und dieser schloß sich ihm noch näher an, wobei es dem Ersteren nicht entging, daß des Kapitäns Bemühen darauf gerichtet war, sein Vertrauen zu gewinnen. Daß ihm das nicht gelang, verstand sich von selbst, doch vermochte sich der Graf von seinem Umgange nicht ganz frei zu machen, so sehr er auch darauf bedacht war und ihm des Kapitäns Neugier, die sich nicht nur auf des Grafen, sondern auch auf Sidoniens Verhältnisse erstreckte, endlich lästig wurde.

Ohne durch die Besorgniß gestört zu werden, in welcher Weise des Grafen Besuche gedeutet wurden, gab sich Sidonie ihrem Glück mit ganzem Herzen hin, das nur durch die sich nicht eben selten aufdrängenden Gedanken, wie bald dasselbe sein Ende erreichen sollte, beeinträchtigt wurde.

Einem solchen Gedanken nachhängend, hatte sie sich, angelockt von der kühlenden Abendluft, nach dem Balkon begeben.