In solcher Weise war die Zeit zum Diner genaht, und der Fremde begab sich mit dem Grafen nach dem Hôtel, woselbst sie gemeinschaftlich speisten und der Erstere sich auch jetzt als gewandter und angenehmer Gesellschafter geltend zu machen wußte. Nach dem Diner ersah Römer eine geeignete Gelegenheit, sich von dem Fremden zu trennen, da er fürchtete, derselbe könnte sich ihm als Begleiter nach der Ruine anbieten, was er aus nahe liegenden Gründen vermeiden mußte.
Der Fremde nannte sich von Bieberstein und war Hauptmann bei einem Fußregiment des Fürsten, also ein Landsmann des Grafen. Er hielt sich eines Leidens wegen in dem Bade auf und gedachte daselbst ungefähr zwei Monate zuzubringen.
So angenehm auch dem Grafen diese Begegnung für den Augenblick war, würde er dennoch im Hinblick auf Sidonie gern darauf verzichtet haben, da er es für zweckmäßig erachtete, sich so viel als möglich von allen gesellschaftlichen Berührungen frei zu halten, um der Beobachtung zu entgehen. Er erkannte jedoch, wie schwer er seine Absicht erreichen würde, da die Verhältnisse in einem Bade dieselbe nichts weniger als begünstigen, und so nahm er das Unvermeidliche mit dem Vornehmen hin, seine Vorsicht zu verdoppeln.
Die zu dem Ausflug bestimmte Zeit war genaht, und der Graf begab sich in seinem Wagen nach dem Ziel des ersteren. Als er an Sidoniens Hôtel vorüber fuhr, gewahrte er sie auf dem Balkon; sie hatte auf diesen Augenblick gewartet, um darnach die eigene Fahrt zu bestimmen.
Sie begrüßten sich in der angenehmen Hoffnung, bald bei einander zu sein und im süßen Verein die Naturschönheiten zu genießen.
Etwa eine halbe Stunde darauf traf Sidonie auf der nur von wenigen Personen besuchten Schloßruine ein. Römer führte sie umher, und ihr Glück steigerte sich im Gefühl der Freiheit und des Bewußtseins, wie einst mit einander leben zu können. Wie viele trübe Jahre lagen zwischen der Gegenwart und der schönen Vergangenheit mit all' ihren süßen Hoffnungen. Dessen gedachten sie, und so konnte es nicht ausbleiben, daß ihnen die mannichfachen reizvollen Fernblicke nur ein vorüber gehendes Interesse abgewannen.
So ging die Zeit rasch dahin, und die längeren Schatten mahnten an die Rückkehr, besonders da noch eine kleine Strecke gehend zurückgelegt werden mußte und Sidonie die ihr obliegenden Rücksichten nicht übersehen durfte.
Auch mehrte sich der Besuch auf der Ruine und machte ihnen den verlängerten Aufenthalt daselbst nicht mehr erwünscht, und so brachen sie auf.
Als Römer mit der Prinzessin und Aurelien im Begriff war, die Ruinen zu verlassen, gewahrte er seinen früheren Begleiter, der mit mehren Personen umher wandelte. Er, wie auch die Anderen begrüßten Sidonie ehrerbietig. Man kannte sie und hatte sich mit ihren ehelichen Verhältnissen bald vertraut gemacht, wie das eben nicht ausbleiben konnte. Wesen und Benehmen der Prinzessin waren auch überdies sehr geeignet, Interesse zu erregen, und so war eine Begegnung mit ihr sehr gewünscht, indem eine solche Stoff zur Unterhaltung über sie darbot.
Dem Grafen war dieses Zusammentreffen nichts weniger denn angenehm, indem dasselbe seine nähere Beziehung zu der Prinzessin verrieth, was, wie wir erfahren haben, er gern vermieden hätte. Er wurde jedoch zu sehr durch die angenehme Gegenwart heraus gefordert, um dem empfangenen Eindruck nachzuhängen.