Sidonie schüttelte verneinend das Haupt. »Ich hoffe das nicht mehr. Alle seine Wünsche sind erfüllt worden, und dennoch hat er meiner und des Grafen nicht gedacht. O, ich habe ihn nicht für so hart gehalten; die letzte Unterredung mit ihm ließ mich mit ziemlicher Bestimmtheit auf seine Milde hoffen.«
Sidonie fuhr auf und schmiegte sich an Aurelie. Ein heftiger Windstoß durchfuhr das Schloß und zog heulend durch den Kamin; die Wetterfahnen kreischten, der Regen prasselte gegen die Fenster, an welchen sich die Vorhänge hin und her bewegten.
Aengstlich lauschten die Freundinnen dem Toben, das nach wenigen Augenblicken geringer wurde. Im Begriff, das Gespräch fortzusetzen, vernahmen sie bei der eingetretenen Stille Hufschläge und Menschenstimmen vor dem Schloß. Es schienen Reiter angelangt zu sein, die Aufnahme begehrten.
Diese Voraussetzung bestätigte sich, denn bald darauf berichtete der herbei gerufene Diener, daß die beiden Förster aus dem Waldhause eine wichtige Nachricht überbracht hätten.
Sidonie, dadurch beunruhigt, sandte den Diener sogleich ab, um sich darüber aufklären zu lassen; statt seiner erschien jedoch die Oberhofmeisterin nach kurzer Zeit und berichtete der Prinzessin, daß die Förster in dem nahen Flecken die Nachricht von dem erfolgten Tode des Fürsten erfahren und in Folge dessen es für ihre Pflicht erachtet hätten, dieselbe trotz des Unwetters der Prinzessin zu überbringen.
»Der Fürst gestorben?!« rief Sidonie erschreckt und fügte alsdann trostlos hinzu: »O, nun ist jede Hoffnung auf Freiheit verloren!«
Aurelie wagte ihr nicht zu widersprechen, denn auch sie erhoffte die baldigen Befreiung der Prinzessin lediglich von dem Fürsten, da von dem Prinzen keine Rücksicht zu erwarten war. Im Gegentheil konnte man bei dessen gegen Sidonie gehegten Haß und seiner Neigung, den Einflüsterungen ihrer Feinde ein offenes Ohr zu schenken, nur Uebles von ihm erwarten.
»Du siehst, meine Freundin, wie wenig begründet unsere Hoffnungen waren. Mag denn kommen, was will; ich bin auf Alles gefaßt,« sprach Sidonie, als die Freundinnen wieder allein waren. »O, mein armer, unglücklicher Freund!« fügte sie in der Erinnerung, daß auch für diesen nun jede Aussicht auf Erlösung geschwunden sei, hinzu.
Statt jeder Antwort umarmte Aurelie die Freundin mit feuchtem Auge.
»Noch ein langer Winter, und nach diesem vielleicht noch einer und noch einer und so fort, bis das Leben abgeblüht ist!« fuhr Sidonie in tiefer Bewegung fort. »O, es gehört in der That Muth dazu, diesen Gedanken im Hinblick auf meine Lieben, die mit mir leiden, auszudenken. O, vergieb, Du Theure, vergieb, wenn sich mein so tief verletztes Herz nicht zu einer Bitte an den Urheber meiner Leiden erniedrigen kann. Ich vermag es nicht, und sollte ich auch einsam und verlassen meine Lebenstage hier beschließen müssen. Nur der Schuldbewußte bittet, der Unschuldige hat ein Recht zu seinem Stolz, und diesen will ich mir bewahren, so lange ich athme und so Uebles mir auch noch zugedacht sein sollte!«