»Und so soll es auch sein und bleiben!« fiel Aurelie gefaßt ein. »Deine Ehre steht mir höher als meine Freiheit. Und hat unser Aufenthalt trotz seiner Abgeschiedenheit nicht auch seine Reize? Gewiß. Wir haben sie gekostet und werden sie auch fernerhin kosten. O, ich denke, wir könnten nirgends heimischer und ungestörter leben, als hier, wohin kein Ton der falschen Welt dringt und wir uns im schönen Verein selbst leben können!«

»Du hast Recht, meine Freundin, und ich ertrage meine Lage nur darum weniger ruhig, da mir das Loos meiner Freunde nicht gleichgiltig sein darf. O, ich danke Dir, meine Aurelie, für Deine treue Liebe; sie wird mich standhafter machen, das Künftige zu ertragen. — Und der Fürst gestorben — —« fuhr Sidonie fort. »Ich hätte ihm zum Wohl des Landes ein längeres Leben gewünscht. Ich fürchte, es werden für dieses üble Zeiten kommen, denn der Prinz wird seinen Leidenschaften rücksichtslos die Zügel schießen lassen und so das Verderben des Volkes herbei führen; schütze es der Himmel!«

Das Brausen des Sturmes ließ sie verstummen.

»Lass' uns die Gedanken auf angenehmere Dinge richten, um die traurige Stunde leichter zu ertragen. Setze den Stürmen die Töne Deiner Harfe entgegen, vielleicht gelingt es diesen, das Unwetter zu beschwören,« sprach Aurelie in der wohlmeinenden Absicht, die Freundin zu beruhigen.

»Ein guter Vorschlag, den ich sogleich befolgen will,« entgegnete Sidonie, griff alsdann in die Saiten und spielte, während die Windstöße das Schloß durchbrausten, das Lieblingslied des Grafen. Und je länger sie spielte, sich in allerlei Phantasien verlor, um so ruhiger wurde es in der Natur, und als sie später ein einfaches Lied anstimmte, drängte sich ein Mondesstrahl aus den zerrissenen Wolken leuchtend hervor und in das Gemach und übergoß mit seinem milden Licht die Blumen des Teppichs, auf welchem ihre Füße ruhten.

Und mit der wiedergekehrten Ruhe in der Natur war auch größere Ruhe in die Herzen der Freundinnen gekommen, und nach einer herzlichen Umarmung schieden sie, um in dem willkommenen Schlummer das Leid und die Sorgen zu vergessen, von welchen ihre Seele tief erfüllt war. Ihr Wunsch wurde ihnen jedoch leider nicht gewährt; besonders fand Sidonie keine Ruhe und manche Thräne entquoll im Hinblick auf ihre und ihres Freundes hoffnungslose Lage ihrem Auge, und diese versiegte erst, als gegen Morgen die Ermüdung sie überwältigte und einem unruhigen Schlummer zuführte.

Ein von dem nahgelegenen Kirchdorf durch die ruhige Luft hertönendes Glockengeläute erweckte sie. Als sie die Augen aufschlug, drangen bereits einzelne Strahlen der Morgensonne in ihr Gemach.

Sie erhob sich und forschte nach der Ursache des Geläutes, da es weder ein Sonn- noch Festtag war, und erfuhr, daß dasselbe in Folge des Todes des Fürsten angeordnet wäre, wie das Gebrauch sei.

Das Geläute dauerte mehre Stunden fort und erfüllte Sidoniens Herz mit vermehrter Trauer, indem es sie an ihre kummervolle Lage erinnerte. So nahte die Mittagszeit heran.

Um ihr Ohr dem traurigen Klange zu entziehen, hatte sie sich mit Aurelien nach einem Gemach begeben, wohin derselbe nur noch leise zu dringen vermochte. Dem Unwetter war ein ruhiger, klarer Tag gefolgt, der die Natur weniger öde erscheinen ließ. Einzelne Wintervögel belebten die Gegend und ließen ihre Stimmen ertönen. Die Freundinnen hatten von dem Fenster aus, an welchem sie arbeitend und sich unterhaltend saßen, einen Fernblick auf die sich nach dem Walde hin verlierende Straße, nach welcher sie bisweilen ausschauten.