Der Erbprinz gedieh vortrefflich, und ebenso waren bereits neue Hoffnungen für den Zuwachs der fürstlichen Familie vorhanden, das Verhältniß der Gatten auch ein so gutes, daß man mit Sicherheit auf eine reiche Nachkommenschaft hoffen durfte.
Diese angenehme Aussicht war dem Fürsten um so bedeutungsvoller, da er seither sehr viel gekränkelt hatte und seine Kräfte rasch schwinden fühlte. Die Gicht, an welcher er schon seit mehren Jahren litt, hatte die Brust ergriffen, führte Schlaflosigkeit und allerlei andere bedenkliche Beschwerden herbei, so daß die Aerzte seine Genesung als unmöglich bezeichneten.
Diese Voraussage bestätigte sich; denn von Tage zu Tage verschlimmerte sich sein Zustand, so daß man seinem Ende entgegen sah.
Es war Spätherbst; die welken Blätter fielen; kalt und feucht zog der Nordwind über die Gewässer und durch die zum Theil schon entlaubten Baumkronen des Parks, der des Fürsten einfaches Palais umgab, in welchem er, getrennt von seiner Gemahlin, seit einer langen Reihe von Jahren einsam gelebt hatte. Und einsam, wie er gelebt, schien er auch einsam sterben zu wollen; denn außer seiner gewöhnlichen Bedienung befand sich weder seine Gemahlin, noch irgend eine andere ihm verwandte Person in seiner Nähe. Er wollte das Sterben mit sich allein abmachen und keinen Andern damit belästigen, auch hätte es ihn verdrossen, seine Leiden Anderen zeigen zu müssen. Es wäre ihm das selbst in Gegenwart Verwandter oder Befreundeter peinigend gewesen, und so begnügte er sich mit der Theilnahme seiner Windspiele und ließ die ihm gemeldeten Besuche gewöhnlich zurückweisen. Nur in Bezug auf einige von ihm bevorzugte gelehrte Männer machte er eine Ausnahme, mit welchen er sich, wenn es ihm sein Leiden gestattete, ein wenig unterhielt oder sich unterhalten ließ. Trotzdem erlitten die Staatsgeschäfte keine Unterbrechung, obgleich ihm die Erledigung derselben oft sehr große Anstrengungen und Beschwerden verursachten.
Da ihm das Liegen üble Zufälle verursachte, so brachte er die meiste Zeit in einem bequemen Lehnsessel zu, woselbst er sich noch am behaglichsten fühlte. Die spärlichen Sonnenblicke, welche ihm der Herbst in das stille Gemach sandte, und seine Lieblinge, die Hündchen, die ihn harmlos umspielten, sich neben seinen geschwollenen Füßen lagerten, seine Hände leckten, oder es sich in seinem Schooß behaglich machten, waren die einzigen Gesellschafter in den einförmig und einsam dahin schleichenden Stunden, die vielleicht außerdem nur noch eine kurze Lectüre, ein leichter, oft wenig erquickender Schlummer unterbrachen. Und wenn der Fürst in der Nacht schlaflos in seinem Sessel ruhte, das laute Rauschen der dürren Baumwipfel zu seinem Ohr drang, gedachte er des Augenblicks, in welchem sein letzter Lebenshauch in diesem Rauschen vertönen würde, um in dem unendlichen All aufzugehen. Dieser Moment mußte bald eintreten; er fühlte es immer deutlicher, und so traf er mit der ihm eigenen Klarheit und Ruhe alle jene Anordnungen, welche seine Verhältnisse bedingten.
Es war etwa elf Uhr Vormittags; er erwartete den Prinzen, den er um diese Zeit zu sich hatte bitten lassen. Die Aerzte waren soeben bei ihm gewesen und hatten auf sein ausdrückliches Verlangen ihm die Frist genau bezeichnen müssen, welche seinem Leben noch gestattet wäre, die sie auf höchstens vierundzwanzig Stunden schätzten.
Er hatte das mit Ruhe vernommen und sie alsdann entlassen, da er die letzten Stunden allein zu sein wünschte. So fand ihn denn auch der Prinz allein und eingeschlummert.
Leise näherte er sich seinem Sessel; die Windspiele blieben ruhig, da sie mit des Prinzen Erscheinung bekannt waren, und dieser ließ sich in der Nähe seines Oheims nieder, das Auge auf das bleiche, eingefallene Antlitz gerichtet, in welches der nahende Tod bereits seine charakteristischen Linien gezeichnet hatte.
Der Schlummer des Fürsten war wie gewöhnlich unruhig, oft unterbrochen durch wenige unverständliche, leise gemurmelte Worte, oder eine matte Armbewegung.
Dergleichen Momente pflegen auf den Beobachtenden selten ihre eigenthümliche Wirkung zu verfehlen, und dies fand auch in Bezug auf den Prinzen statt, der aufmerksam lauschte, um den Sinn der gesprochenen Worte zu verstehen. Dies gelang ihm jedoch anfangs nicht, bis der Fürst allmälig vernehmlicher und hastiger sprach und endlich mit dem Wort: »Sidonie« ängstlich auffuhr und die Augen aufschlug. Sein glanzloser Blick erkannte den Prinzen nicht sogleich; als dies jedoch erfolgte, bemerkte er mit schwacher Stimme: