»Still davon! Möglich, daß Du an ihre Schuld glaubst; ich habe mich davon niemals überzeugen können; doch opferte ich sie der Nothwendigkeit und dem Staatsinteresse. Sie weiß es, denn sie hat mir in's Herz gesehen.«
»Sie überraschen mich, mein Fürst!«
»Lass' das! Dergleichen paßt nicht zu der gegenwärtigen Situation! Der beabsichtigte Erfolg ist erzielt; Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen machen; mein Tod ist jedoch der beste Moment, dieser Angelegenheit für immer einen guten, den Adel versöhnenden Abschluß zu geben. Der letzte Funken Leben in mir ist daher nicht verloren.«
Der Fürst hatte mit Anstrengung und schwacher Stimme gesprochen, lehnte sich darauf erschöpft in den Sessel zurück und schloß die Augen.
Der Prinz erwiderte nichts darauf; denn er sah sich zur Anerkenntniß des Vernommenen genöthigt, wenn er auch hinsichts Sidoniens Schuldlosigkeit trotz des Fürsten Meinung in Zweifel war. Er würde sich daher zu der Begnadigung selbst gegen sein gegebenes Versprechen vielleicht nicht veranlaßt gefühlt haben, und das eben erkannte des sterbenden Fürsten Scharfblick und darum wandte er seine letzten Kräfte zur Unterzeichnung des Befehls an.
»Du wirst weder der Prinzessin noch dem Grafen in ihren künftigen Maßnahmen irgend welchen Widerstand bieten,« bemerkte der Fürst darauf. »Sie werden sich vermählen, vermuthe ich; sie haben auf diesen Moment lange harren müssen; ihre Zuneigung ist viel geprüft; so hoffe ich, sie werden einen Ersatz dafür in der Ehe finden. Sidonie paßte zur Fürstin nicht; denn sie besitzt zu viel von dem, was Fürstinnen nicht gebrauchen, wenn sie auf dem Thron eine Figur machen wollen. Aber sie ist ein seltenes Weib und darum selten, weil sie Charakter besitzt und weiß, was sie will. Ihr Benehmen hat mich trotz meiner Abneigung gegen die Frauen dennoch zur Bewunderung gezwungen; diesen Stolz und dieses klare, ruhige Auge hat nur das Selbstbewußtsein der Unschuld und ein edler, fester Sinn. — Sie wußte sich trotz Allem zu behaupten, und das ist viel.«
Er hatte hastig und in Absätzen gesprochen und deutete nun auf das Glas mit dem Getränk, das ihm der Prinz reichte. Als er getrunken hatte, fuhr er fort:
»Sie, Sidonie, hatte in vieler Hinsicht Recht; aber auch Unrecht, da sie die wirkliche Welt mit ihren größeren Ansprüchen nicht anerkennen und sich derselben nicht unterordnen wollte. Doch Du wirst mich nicht verstehen, denn Deiner Natur liegt dieser Charakter zu fern, da Du in dem Weibe nichts als Fleisch und Bein siehst. Du hast nun, was Du brauchst, und ich wünschte, schon anfangs in meiner Wahl auf eine solche Frau gestoßen zu sein; es wäre Alles besser gewesen.«
Wieder schwieg er und nahm erst nach kurzer Ruhe das Gespräch wieder auf.
»Du hast viele Schurken unter Deinen Freunden; so lange Du Prinz bist, erträgt sich das; der Regent muß sich von ihnen frei zu machen bedacht sein. Es ist das nicht eben leicht; aber es muß geschehen, soll er nicht endlich ihr Sklave werden. Ich lasse Dir gute Räthe; achte sie und folge ihren Vorschlägen. — — Lass' die Weiber! Sie entnerven Dich, machen Dich feig und ziehen Dich in ihre sinnliche Tiefe, darin Du untergehst. Man muß durchaus ganzer Mann sein, um etwas Tüchtiges zu leisten; aber nur Mann im Sinne des Geschlechts ist der Verderb aller wahren Mannheit. Du bist bisher nur dies eine gewesen; sei bedacht, Dich mit dem Ernst Deiner Stellung von Deinen sinnlichen Neigungen zu befreien, wenigstens diese zu beschränken, um nicht gleich einem weibischen Sardanapal unterzugehen. —