So war denn, wie wir erfahren haben, des Fürsten wohlmeinende Absicht wirklich in Erfüllung gegangen; die Glockenklänge brachten Sidonien die beglückende Botschaft ihrer Freiheit. Dieselbe wurde anfangs allerdings durch die nahe liegende Besorgniß, es könnte der Graf vielleicht nicht in ähnlicher Weise erfreut worden sein, beeinträchtigt; jedoch nur für kurze Zeit, da schon nach wenigen Tagen von der Gräfin Römer die Nachricht von seiner Entlassung aus der Haft einlief und somit aller Sorge ein freudiges Ende machte.
Jetzt entstand für Sidonie die nahe liegende Frage, wohin sie sich begeben sollte. Sie, eine Fürstentochter, hatte nirgends eine Heimath, denn in ihre ursprüngliche zurückzukehren, fühlte sie in Hinblick auf die ihr von ihrem Bruder gezeigte Lieblosigkeit keine Neigung. Ehe sie sich jedoch darüber entschied, eilte sie zu ihrer Tochter, um die Langentbehrte an das Herz zu drücken. Aber sie verweilte daselbst nur zwei Tage und kehrte alsdann wieder in ihr einsames Schloß zurück. Die Herzogin hatte sie kalt und gemessen empfangen; denn trotz der Begnadigung vergaß man Sidoniens Vergehen nicht. Der Schein war gegen sie, sie mußte das hinnehmen.
Um so größer war daher ihre Freude, als sie bei ihrer Rückkehr einen Brief der Gräfin Römer und des Geliebten fand, der, aus der Haft entlassen, sofort zu seiner Mutter geeilt war. Die Gräfin lud sie zu einem baldigen Besuch ein, indem sie ihr zugleich ihr Schloß zum künftigen Aufenthalt anbot. Römer hatte diese Einladung durch seine eigene Bitte und den Hinweis auf die besonderen Verhältnisse, welche ein passenderes Wiedersehen nicht gestatteten, unterstützt.
Sidonie erkannte das und war nach kurzer Berathung mit Aurelien entschlossen, das Schloß für immer zu verlassen, die Einladung der Gräfin, bei ihr zu wohnen, jedoch aus nahe liegenden Rücksichten abzulehnen und sich nach jenem Badeort zu begeben, den sie früher besucht hatte. Derselbe lag, wie wir wissen, in der Nähe der gräflichen Besitzung und gewährte ihr daher einen bequemen Verkehr mit der Gräfin und dem Geliebten. Auf dem Wege dahin wollte sie der Gräfin den von dem eigenen Herzen so heiß gewünschten Besuch machen, wollte sie den theuern Mann nach so langer, langer trüber Zeit endlich wieder sehen und das so schmerzlich entbehrte Glück der Wiedervereinigung genießen.
O, wie drängte ihr Herz zu ihm, und mit welcher Hast ordnete sie ihre Abreise an und führte diese trotz der rauhen Witterung mit glücklichem Herzen und ohne Zögern aus.
Die Bewohner des Schlosses und der Umgegend sahen sie mit betrübtem Herzen scheiden, und mancher Glückwunsch tönte der Forteilenden mit aufrichtigem Herzen nach; denn sie war ja so gütig und ach! auch so sehr unglücklich gewesen, wie dies oft ihre kummervollen Züge und verweinten Augen verrathen hatten.
Und Sidonie hatte Allen, Allen mit freundlichen Worten gedankt, sie beschenkt und dem See und den Wäldern, den Fluren und Gärten mit feuchtem Auge ein Lebewohl zugerufen. Alsdann rollte der Wagen dahin, und das Schloß war wieder so einsam und öde wie ehemals.
Es verfiel nach wenigen Jahren rasch und dient heute einer gewerblichen Thätigkeit. Niemand ahnt, wie viele Thränen das Unglück einst in diesen Räumen vergossen hat.
Sidonie legte die unbequeme Reise bis zu dem Schloß der Gräfin mit großer Ausdauer zurück, und sank der edeln Dame, die sie zum ersten Mal sah, mit bewegtem Herzen in die Arme.
Römer war Sidonien bis zu dem nächsten Ort entgegen gefahren, und hier fand ihr Wiedersehen statt, das sich jeder Beschreibung entzieht. Beider Augen schimmerten von Thränen, als sie sich gegenüber standen und in das von Kummer gefurchte Antlitz schauten, bis sie sich, von ihren Empfindungen überwunden, schweigend in die Arme sanken und jetzt, von keiner Fessel mehr gehemmt, dem Glück des Augenblicks mit ganzer Seele hingaben.