Römer's einst dunkle Haare waren ergraut, seine Stirn mit Falten durchzogen, seine Gestalt gebeugt und nur noch ein Abglanz seiner einst so ritterlichen Erscheinung. Er mußte sehr schmerzlich gelitten haben.
Und wie wir wissen, hatte Sidoniens Erscheinung nicht mindere Veränderungen erfahren. Den Schmelz der Jugend hatte der Kummer längst aus ihrem Antlitz gestohlen und manche Furchen darin gegraben; aber waren sie auch körperlich gealtert: ihre Liebe war in ihren Herzen jung geblieben und hatte sich in den erlittenen Prüfungen nur noch mehr veredelt.
Tage des reinsten, süßesten Glücks folgten diesem Wiedersehen. Was Sidonie ganz besonders wohl that, war die große Güte, mit welcher ihr die bereits hoch bejahrte Gräfin entgegen kam, so wie die hohe Achtung, welche man ihr von Seiten des Adels zu Theil werden ließ. Denn es bedurfte nur eines kurzen Umganges mit ihr, um jedem vorurtheilsfreien und edeldenkenden Menschen die Ueberzeugung von ihrer Schuldlosigkeit und ihrem sittlichen Charakter aufzunöthigen.
So Mancher von ihnen bat ihr im Stillen das Unrecht ab, zu welchem ihn das Vorurtheil verleitet hatte. Von ihrem neuen Wohnort aus richtete Sidonie die Bitte an den Fürsten, ihr die Tochter wieder zu geben; jedoch fruchtlos. Er wies sie ein- für allemal ab, obgleich er den früheren Verkehr zwischen ihnen gestattete. Der verstorbene Fürst hatte, als er ihr die Freiheit schenkte, ihre Tochter vergessen, und sein Neffe erachtete es im Interesse seines Ansehens für nothwendig, die ursprüngliche Anordnung festzuhalten, und so blieb Isabelle von Sidonien für immer getrennt.
Diese Gewißheit war ein schmerzlicher Mißklang in die reinen Freudentöne ihres unendlichen Glücks, das ihr die Liebe und Freiheit gewährte. Um sich aus aller Verbindung mit dem Fürsten zu setzen, hatte sie diesem sogleich nach Aufhebung ihrer Verbannung ihren Verzicht auf die bisher bezogene Pension angezeigt. Sie wurde dadurch allerdings nur auf die Einkünfte ihres eigenen kleinen Vermögens beschränkt; dennoch fühlte sie sich in dieser Beschränkung freier und beruhigter, da damit die letzte Fessel zerbrochen wurde, welche sie mit der unheilvollen Vergangenheit noch verband. Auch wußte sie nur zu wohl, daß sie durch diese Maßnahme den geheimen Wunsch des Geliebten erfüllte.
Trotz der Winterzeit flohen ihr die Tage jetzt rasch und lieblich dahin, durch die Besuche des Geliebten und seiner Freunde verschönt, und mit jedem neuen Tage wurde ihr Auge heller, wichen die kummervollen Falten mehr und mehr aus ihrem feinen, lieblichen Antlitz, kehrte die Heiterkeit zurück. Und gleich ihr geschah es auch dem Grafen, wenngleich sein Wesen ernster als früher blieb und er trotz Sidoniens inniger Liebe die erfahrene Ehrenkränkung nicht zu vergessen vermochte.
So nahte der Lenz, und mit ihm nahte leider für die Geliebten auch ein herber Schmerz. Die Gräfin fühlte ihr Ende nahen.
In den letzten Monaten hatte ihre Körperschwäche rasch zugenommen, so daß ihr baldiger Tod mit Gewißheit erwartet werden durfte.
Einige Wochen vor demselben, als sich Sidonie bei ihr befand und sie mit ihr allein war, nahm sie deren Hand, sprach in ruhigem Ton von ihrem baldigen Scheiden und bemerkte alsdann, wie sehr es sie beglücken würde, vor ihrem Heimgange Sidonie mit ihrem Sohn vereinigt zu sehen.
Obgleich die Letzteren überein gekommen waren, sich in dem nächsten Frühjahr nach Italien zu begeben und daselbst zu vermählen, erklärte sich Sidonie doch sogleich zur Erfüllung des ausgesprochenen Wunsches bereit, und wenige Tage darauf wurde sie in aller Stille und nur in Gegenwart der Gräfin, Aureliens und einiger Verwandten des Grafen mit diesem vermählt. Ihre Verbindung wurde jedoch geheim gehalten, ebenso bezog Sidonie auch nicht das gräfliche Schloß, sondern blieb in ihrer Wohnung, doch verschönte sie durch längere Besuche die letzten Lebenstage der hinscheidenden Gräfin, die durch das Glück ihres Sohnes sich selbst hoch beglückt fühlte.