Ihre Unruhe drängte sie, sich an dem Bilde des Geliebten zu trösten und zu erquicken, und sie holte eine kleine silberne Chatoulle herbei, in welcher sie außer einigen kostbaren Andenken auch das Portrait des Grafen aufbewahrte, welches sie sich, wie wir erfahren haben, bereits früher von Aurelien hatte zurückgeben lassen und seitdem bei sich bewahrte. Sie öffnete die Chatoulle, nahm das Bild und betrachtete es mit der ganzen Innigkeit ihrer Empfindungen. Wie tief wurde sie von dem Anblick der geliebten Züge bewegt! —
»O, ich will keinen Schmerz, keinen Kampf scheuen, um Dir, Du edler, theurer Mann, für immer anzugehören. Komme was da will, ich will es tragen; Deine Liebe macht mich stark; ich werde nicht erliegen. O, welch ein süßes Glück wird mein Lohn sein, welche Tage der Wonne, des himmlischen Friedens wird uns die Zukunft bringen, vor Allem aber werde ich Dein liebes, treues Auge von innigem Glück erhellt sehen, und darin birgt sich der Inbegriff des meinen.«
So dachte Sidonie, im Anschauen des Bildes versunken, und sprach in solcher Weise noch viele, viele liebe Worte mit demselben.
Eilig nahende Schritte störten sie plötzlich aus ihren süßen Träumereien und veranlaßten sie, das Portrait rasch in die Chatoulle zu legen. Noch beschäftigt, dieselbe zu schließen, erblickte sie die Wärterin ihrer Tochter, welche ihr mit besorgten Mienen die beunruhigende Nachricht brachte, daß sich das Kind nicht wohl befände; sie fürchtete den Ausbruch irgend einer Krankheit. Durch das Vernommene in hohem Grade erschreckt, erhob sich Sidonie sofort und folgte der Wärterin. Sie fand die Mittheilung der Letzteren leider durchaus bestätigt und sandte sogleich nach ihrem Arzt, während sie bis zu dessen Ankunft bei dem Kinde blieb. Aurelie, die von der Erkrankung Kenntniß erhielt, erschien bald und leistete ihr Gesellschaft. Wenige Minuten darauf traf der Arzt ein und erklärte nach Prüfung des Zustandes der Kranken, daß wahrscheinlich eine der gewöhnlichen Krankheiten, welche in dem Alter der Leidenden vorzukommen pflegen, im Anzuge sei, indem er Sidonie zugleich in Bezug auf den Ausgang derselben beruhigte.
Die sofort angewandten Heilmittel thaten bald eine gute Wirkung, und das Kind fiel in einen leichten Schlaf. Während dessen war es tief in der Nacht geworden, und Aurelie drang in die Freundin, sich Ruhe zu gönnen und mit ihr in der Pflege des Kindes abzuwechseln. Da dieses schlief und eine Gefahr für dasselbe nicht vorhanden zu sein schien, so gab Sidonie ihren Vorstellungen nach und ging nach ihrem Schlafgemach. Daselbst angelangt, erinnerte sie sich der Chatoulle, die sie auf dem Balkon stehen gelassen hatte, und begab sich sogleich dahin, um dieselbe zu holen. Als sie den Blick auf den Tisch richtete, auf welchem dieselbe gestanden hatte, fand sie das Kästchen nicht; es war fort. In der nahe liegenden Vermuthung, daß einer der Diener dieselbe wahrscheinlich nach ihrem Boudoir getragen hatte, beunruhigte sie sich darüber nicht weiter, sondern ging in der Gewißheit nach dem Zimmer, die Chatoulle daselbst vorzufinden.
Sie sah sich jedoch getäuscht; denn trotz alles Suchens war dieselbe auch hier nicht zu entdecken. Dabei fiel ihr ein, daß sie die Lichte auf dem Balkon noch brennend gefunden hatte; ein Umstand, der sie befremdete; denn es lag die Annahme nahe, daß der Diener, der die Chatoulle holte, auch das Auslöschen derselben wol kaum vergessen haben würde. Sie ließ sogleich nachforschen, wer die Chatoulle fortgetragen hätte, und erhielt hierauf die beunruhigende Nachricht, daß dies keiner der Diener gethan. Ebenso war auch Niemand auf dem Balkon gewesen, noch auch hatte irgend Jemand Kenntniß von dem Vorhandensein der Chatoulle daselbst gehabt.
Sidonie sah sich im Hinblick der eigenthümlichen Umstände, unter welchen sie den Balkon besucht und die Chatoulle dahin getragen hatte, genöthigt, die erhaltene Mittheilung als begründet anzuerkennen. Sie erschrak. Ihre Dienerschaft war treu und jeder Verdacht in Erwägung der bezeichneten Umstände unzulässig; die Chatoulle mußte also entwendet sein.
Die Gelegenheit dazu war durch die Erkrankung ihrer Tochter, welche sie und die Dienerschaft aus der Nähe des Balkons entfernte und in dem entgegengesetzten Flügel des Hôtels beschäftigte, geboten worden. Diesen günstigen Augenblick mußte der Dieb zu seinem Verbrechen benutzt haben. Das werthvolle Kästchen reizte dazu. Ueberdies war, wie wir erfahren haben, das Hôtel von dem Badeort entlegen, der niedrige Balkon von dem Garten aus leicht zu ersteigen, besonders da die tiefe Dunkelheit ein solches Unternehmen wesentlich begünstigte.
Alle diese Umstände erwog Sidonie und gelangte zu der übeln Ueberzeugung, der Chatoulle beraubt zu sein.
Den Verlust der in derselben enthaltenen Werthsachen hätte sie leicht verschmerzt, nicht so denjenigen des Portraits. Ihre Unruhe und Besorgniß steigerte überdies noch der Gedanke, zum Verschweigen des Raubes genöthigt zu sein, da die Entdeckung desselben auch den Verrath des Portraits herbeigeführt hätte.