Sie wurde dadurch veranlaßt, der Dienerschaft das strengste Schweigen anbefehlen zu lassen, indem sie dieses durch die Annahme zu rechtfertigen bedacht war, durch geheimes Forschen sicherer zu ihrem Verlust gelangen zu können.
Nachdem sie in solcher Weise am zweckmäßigsten für ihr Interesse gesorgt zu haben glaubte, begab sie sich zu Aurelien, die durch Sidoniens Mittheilung nicht wenig erschreckt wurde. Sie billigte die getroffenen Maßnahmen und die Frauen beriethen alsdann, welche Schritte sie zur Wiedererlangung der Chatoulle thun dürften, ohne den Verrath des Portraits fürchten zu müssen.
Nach längerem Erwägen gelangten sie zu dem Entschluß, Aurelie sollte einen der am Ort anwesenden Polizeibeamten in's Vertrauen ziehen, das Kästchen als das ihrige bezeichnen und ihn beauftragen, im Geheimen darnach zu forschen, und seinen Eifer durch eine in Aussicht gestellte namhafte Belohnung anspornen. In solcher Art hofften sie ihren Zweck am sichersten und besten zu erreichen. Gelang dies den Nachforschungen des Beamten nicht, so gewannen sie wenigstens den in diesem Fall besonders wichtigen Vortheil, daß Sidonie nicht bloßgestellt wurde, was durch die Entdeckung des Portraits jedenfalls geschehen wäre, der übeln Folgen nicht zu gedenken, welche sich daran knüpfen mußten, würde der Fürst oder der Prinz davon Kenntniß erhalten haben.
Am folgenden Tage wurde das besprochene Vorhaben in der angegebenen Weise von Aurelien ausgeführt, und der gewonnene Beamte schied mit dem Versprechen von ihr, mit Anwendung aller ihm zu Gebot stehenden Kräfte und mit Beobachtung strengster Discretion sich dem Auftrage zu unterziehen. In der angenehmen Hoffnung, ihren Wunsch vielleicht bald erfüllt zu sehen und dadurch allen weiteren, sich mit dem Entwenden der Chatoulle verknüpfenden Gefahren zu entgehen, fühlte sich Sidonie wieder in etwas beruhigt. Das Interesse für diese Angelegenheit wurde durch den sich rasch verschlimmernden Zustand ihrer Tochter wesentlich gemäßigt.
Des Arztes Voraussage war nämlich wirklich eingetroffen und die Kleine von einer der gewöhnlichen Kinderkrankheiten ergriffen worden, welche Sidoniens ganze Sorge in Anspruch nahm. Sie hatte den Prinzen sogleich mit Allem bekannt gemacht und das Gutachten des Arztes ihrem Briefe beigefügt. Da das letztere im Ganzen beruhigend war, so befremdete es Sidonie nicht, in des Prinzen Erwiderung ein nur geringes Interesse für das Leiden seiner Tochter ausgedrückt zu finden; da gegen machte sie der Umstand in hohem Grade bestürzt, daß er ihr für den Fall der Verschlimmerung der Krankheit seinen Besuch in Aussicht stellte. Er drückte ihr zugleich seine Freude über die guten Wirkungen der Badecur aus, die bereits ihr Befinden gebessert hätten, und seine Worte verriethen eine ungewöhnliche Theilnahme für sie, die sie beängstigte. Vor Allem jedoch that dies die Aussicht seines Besuchs; denn in keinem andern Augenblick wäre ihr derselbe so unangenehm gewesen, als eben jetzt. Die verletzendste Kälte von seiner Seite würde sie gern hingenommen haben, da Alles, was sie an das verhaßte Band mit ihm erinnerte, ihr jetzt doppelt unangenehm war. Sie hatte sich in der geträumten Freiheit so wohl befunden, und so mußten ihr seine Worte doppelt unangenehm sein, da dieselben sie an ihr Unglück mahnten.
Mit dem Empfang seines Briefes hatte auch ihre Ruhe, ihr stilles, reines Glück sein Ende gefunden, und zu diesem schmerzvollen Verlust gesellte sich nun auch die Besorgniß um die leidende Tochter.
Trotz der guten Voraussage des Arztes verschlimmerte sich der Zustand der Letzteren in einem gefährlichen Grade, so daß der Arzt über den Ausgang derselben bedenklich wurde. Das waren kummervolle Stunden für die schwer gebeugte Sidonie, um so schwerer, da sich an den Zustand der Kranken zugleich die Angst knüpfte, durch die Gefährlichkeit desselben den Besuch des Prinzen herbei zu führen. Und so waren ihre Gebete für die Genesung ihres theuern Kindes doppelt heiß.
Auf ihren Wunsch hatte Aurelie dem Grafen sowol die Erkrankung des Letzteren als auch die Entwendung der Kassette und deren nähere Umstände mitgetheilt, und nicht anzudeuten unterlassen, wie erwünscht ihnen gerade jetzt sein Besuch sein würde. Diesem Briefe fügte Sidonie einige Zeilen bei. Von Schmerz und Sehnsucht erfüllt, fühlte sie ein großes Verlangen, sich dem Freunde mitzutheilen, und es gewährte ihr einen ganz besondern Trost, ihm ihre Empfindungen selbst ausdrücken zu können.
Ueberdies wußte sie, welche große Freude sie ihm dadurch bereiten würde; denn es waren die ersten Worte, die sie an ihn richtete; bisher hatte sie dies zu thun nicht gewagt. Es waren freilich nur wenige Worte, die sie ihm schrieb; dieselben athmeten jedoch eine um so größere Innigkeit und verschwiegen den Trost nicht, den ihr der Gedanke, ihre Gefühle von seinem edeln Herzen getheilt zu wissen, so wie die Hoffnung gewährte, ihn bald wiedersehen zu können. Ebenso hatte sie nicht unterlassen, ihm mitzutheilen, unter welchen Verhältnissen sie des Prinzen Besuch zu erwarten hätte, jedoch auch zugleich die Hoffnung ausgesprochen, daß dieser üble Fall nicht eintreten würde. Wenige Tage müßten nach des Arztes Ansicht darüber entscheiden. Einer ihrer Diener, der zu dergleichen Besorgungen bestimmt war, wurde von Aurelien mit dem Ueberbringen des Briefes betraut.
Mit Ungeduld sah Sidonie der Rückkehr desselben entgegen; sie hoffte durch ihn eine Antwort von dem Grafen und die so sehr gewünschte Nachricht seines baldigen Besuchs zu erhalten, und es beunruhigte sie daher, als der Bote nicht wie früher an dem nächsten Tage eintraf. Doch, es konnte ihm ein Unfall zugestoßen sein, oder er hatte vielleicht den Grafen nicht auf dessen Besitzung getroffen und wartete auf dessen Rückkehr; diese Voraussetzungen bewogen sie, noch zwei weitere Tage geduldig zu warten. Aber auch diese verstrichen; der Bote blieb jedoch aus.