Auf Aureliens Rath harrte sie noch einen Tag, als aber auch dann der Diener nicht erschien, erachtete sie es für nothwendig, einen zweiten Boten an den Grafen abzusenden, ihm durch Aurelie das Nähere mitzutheilen und um Aufklärung bitten zu lassen.

Es wurde zur Ausführung dieser Botschaft ein in Diensten des Hôtelbesitzers stehender Mann, der als durchaus zuverlässig bezeichnet wurde, erwählt. Demselben war große Eile empfohlen worden, und er entledigte sich des Auftrages auch in so kurzer Zeit, daß er bereits am Abend mit einem Brief des Grafen zurückkehrte. Der Inhalt des letzteren überraschte und beunruhigte die Freundinnen in hohem Grade; denn der Graf theilte ihnen mit, weder den Boten noch die ihm zugedachten Briefe empfangen zu haben. Er wäre in der bezeichneten Zeit auf seiner Besitzung anwesend gewesen, würde also den Boten, falls derselbe sich gemeldet hätte, daher auch jedenfalls gesehen und gesprochen haben. Er bemerkte zugleich, durch die betreffenden Umstände zu der Vermuthung geleitet zu sein, daß den Boten irgend ein Unfall betroffen haben müßte, und wollte sich durch Kundschaft hierüber in der kürzesten Zeit Gewißheit zu verschaffen suchen.

Sobald er diesen Zweck erreicht haben würde, gedachte er Sidonien persönlich über den erzielten Erfolg Bericht abzustatten, und glaubte im Hinblick auf die Wichtigkeit der eingebüßten Botschaft, die Nachforschungen persönlich leiten zu müssen.

Die Freundinnen stimmten seinem Vorhaben mit vollem Herzen bei; denn es galt, Sidoniens Brief nicht in unbefugte Hände gelangen zu lassen. Zwar hatte sie nur den Anfangsbuchstaben ihres Namens unter denselben gesetzt; dieser jedoch und Aureliens Schreiben genügten, die Schreiberin zu verrathen. Es darf kaum bemerkt werden, wie tief Sidonie von dem Allen betroffen wurde. Der Verlust des Portraits, das räthselhafte Verschwinden des Boten und die rasche Aufeinanderfolge aller dieser Vorfälle, so wie die Ungewißheit, in welcher Art sich dieselben lösen würden, erfüllten sie mit beängstigender Sorge, und gewiß mit allem Recht. Denn gelangte sie nicht in den Besitz dieser Gegenstände, so stand für sie das Gewichtigste, ihre Ehre, auf dem Spiel.

Zweites Kapitel.

Mühlfels hatte sich nichts weniger als beeilt, die ihm angewiesene Garnison zu erreichen, und langte daselbst erst nach mehren Tagen und in der übelsten Stimmung an. Diese steigerte sich noch mehr, als er von dem Commandanten ziemlich kalt empfangen und fortan zum strengen Dienst angehalten wurde. Es geschah dies auf den geheimen Befehl des Fürsten, und der Commandant war viel zu dienstergeben, um denselben nicht zu respectiren, trotz der von Mühlfels ihm übergebenen Empfehlung des Prinzen.

Der Commandant befand sich schon seit vielen Jahren an diesem Ort und wußte, wie er die ihm zugeschickten Officiere zu behandeln hatte, besonders wenn ein fürstlicher Befehl ihm die Winke dazu gab.

Mühlfels war in Verzweiflung, und das um so mehr, da er sich für die Unannehmlichkeiten des Dienstes durch irgend eine angenehme Zerstreuung nicht zu entschädigen vermochte.

Wie wir erfahren haben, lag die kleine Grenzstadt in der ödesten Gegend und von allem größeren Verkehr abgeschnitten, und bot daher fast gar keine, oder doch nur solche Vergnügungen, an welchen der durch die raffinirtsten Genüsse verwöhnte Baron keinen Geschmack fand, und so däuchten ihm namentlich die ersten Wochen seines Aufenthalts kaum erträglich. Er beeilte sich, den Prinzen mit seiner unglücklichen Lage bekannt zu machen und um eine neue Empfehlung bei dem Commandanten zu bitten. Der Erstere erfüllte gern seinen Wunsch, sprach sein herzliches Bedauern über sein trauriges Leben aus und ermahnte ihn zum geduldigen Ausharren. Des Prinzen wiederholtes Schreiben übte eine gute Wirkung auf den Commandanten aus, und Mühlfels wurde seitdem rücksichtsvoller behandelt.

So angenehm ihm dies auch war, ging sein Verlangen dennoch stets darauf aus, zurückkehren zu dürfen, und er bestürmte den Prinzen mit Bitten, den Fürsten zur Abkürzung seiner übeln Lage zu veranlassen; jedoch vergebens.