Auf seinen Wunsch war der Prinz bereits entschlossen, Sidonie zu besuchen; als jedoch in dieser Zeit die Nachricht von dem gefahrlosen Ausgang der Krankheit der Tochter eintraf, gab der Prinz im Hinblick auf die weite Reise sein Vorhaben wieder auf und begnügte sich, der Prinzessin seine Freude über das Vernommene auszudrücken.
Sidonie athmete in der Gewißheit, ihr stilles Glück durch des Prinzen Besuch nicht gestört zu sehen, froh auf. Ihre Freude war um so größer, da mit seinem Besuch die Gefahr für sie herbei geführt worden wäre, daß er sowol Kenntniß von dem Entwenden der Chatoulle als dem Verschwinden des Dieners erhalten hätte, und dadurch veranlaßt worden wäre, Nachforschungen darnach anstellen zu lassen. Waren dieselben jedoch von Erfolg, so hatte sie auch den Verrath des Briefes und Portraits zu fürchten und konnte die Folgen desselben leicht voraussehen.
Trotz alledem durfte sie sich noch nicht beruhigen; denn die Bemühungen des Grafen und der Beamten waren bisher fruchtlos gewesen und somit die sie bedrohenden Gefahren noch nicht beseitigt.
Römer traf nach wenigen Tagen mit der wenig befriedigenden Nachricht bei ihr ein, daß die sorgfältigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von dem Verbleib des Dieners ergeben hätten. Zwar wollte man diesen auf einem bestimmten Punkte der Landstraße gesehen haben; Weiteres jedoch wußte man nicht, da alsdann keine Spur von ihm zu entdecken war.
Es waren zu derselben Zeit an verschiedenen Orten in der Nähe des Bades Einbrüche und Diebstähle vorgekommen, und so lag die Vermuthung nahe, daß man den Diener, dessen Livrée ihn als einen fürstlichen bezeichnete, wahrscheinlich in der Voraussetzung, eine gute Beute zu machen, getödtet und beraubt hatte. Eben so wahrscheinlich war es, daß dieselben Verbrecher auch die Chatoulle entwendet hatten.
Diese Annahme fand um so mehr Glauben bei Sidonien, da der Polizeibeamte dieselbe durch seine Mittheilungen noch wahrscheinlicher machte.
In Folge der angestellten Nachforschungen war man nämlich zu der Entdeckung mehrerer Verbrecher gelangt, die in den nahen Waldungen hausten und sich von dem Raub der Reisenden und allerlei Diebstählen ernährten.
Diese Umstände ließen voraussehen, daß die Briefe, als werthlos, wahrscheinlich vernichtet worden waren. Was die Chatoulle anbelangte, so lag die Voraussetzung nahe, daß die Verbrecher sich nach einer entfernten Stadt begeben haben würden, um die kostbaren Sachen verkaufen zu können. Traf diese Annahme zu, so unterlag es auch keinem Zweifel, daß die geraubten Gegenstände bald zerstreut wurden und wahrscheinlich auch, um nicht erkannt zu werden, eine Umarbeitung erfuhren. Diesem Geschick mußte dann auch das an sich wenig werthvolle Portrait verfallen, das man wol zerstörte, um das Gold der Einfassung zu nutzen.
Lag für Sidonien im Hinblick auf die angeführten Umstände eine gewisse Beruhigung, so durfte sie dem Prinzen doch das Verschwinden des Dieners nicht verschweigen. Sie theilte ihm dasselbe daher mit, so wie die näheren Umstände, welche dazu geführt hatten. Sie ließ jedoch eine längere Zeit vorüber gehen, ehe sie sich zu dieser Mittheilung bequemte, und nachdem alles Forschen fruchtlos geblieben war.
Der Prinz hatte ihr in Folge dessen erwidert, alles Weitere den Behörden anheim zu stellen und sich deshalb durchaus nicht zu beunruhigen. Er schien auf das Verschwinden des Dieners kein Gewicht zu legen.