Damit hatte diese Angelegenheit für Sidonie ihr Ende erreicht, und sie war erfreut, daß dasselbe in solcher Weise erfolgte.
Durch die allmälig fortschreitende Genesung ihres lieben Kindes und die Besuche des Grafen jetzt doppelt beglückt, durch die Erörterungen des Beamten über das wahrscheinliche Schicksal der Chatoulle beruhigt, und von der Angst befreit, des Prinzen Besuch erwarten zu müssen, genoß sie die sich ihr darbietenden Freuden mit vollem Herzen. Hatte sie auch durch die Krankheit ihrer Tochter schwer gelitten, so führte dieselbe doch auch zugleich eine Verlängerung ihres Aufenthaltes im Bade herbei, und was hätte ihr wol erwünschter sein können.
Doch die Tage eilten schnell dahin, und so nahte endlich auch die gefürchtete Scheidestunde.
Wir übergehen das schmerzliche Lebewohl der Liebenden, das die Hoffnung eines baldigen Wiedersehens milderte. Denn der Graf gedachte, wenn es seine Verhältnisse irgend gestatteten, zum Herbst die Residenz für einige Wochen zu besuchen.
Und so trennte sich Sidonie von ihm und dem liebgewonnenen Ort mit bekümmertem Herzen und trat mit Zagen die Rückreise an. O, wie so sehr bangte ihr vor dem Hofe! Es däuchte ihr fast unmöglich, sich wieder in die alten traurigen Verhältnisse zu finden und dem Zwange der Hofetikette zu unterwerfen. Fühlte sich ihre Seele doch nur wohl in der süßen Freiheit, unbeengt und unberührt von dem gleißnerischen Schein des schaalen Hoflebens. So manche Schmerzensthräne drängte sich in ihr Auge in der Erinnerung des verlorenen Glücks, in der Sorge, ob es ihr gelingen würde, sich dasselbe in der erwünschten Weise zu erringen.
Denn wie wir wissen, kehrte sie mit dem noch mehr befestigten Vorsatz zurück, die Trennung ihrer Ehe zu bewirken. Zu früh für ihre Wünsche erreichte sie die Residenz. Sie wurde zu ihrer nicht geringen Ueberraschung von dem Prinzen empfangen, der ihr seine Freude über ihr gutes Aussehen und die Genesung seiner Tochter mit wenigen Worten zu erkennen gab. Doch war ihr Wiedersehen nur ein förmliches und fern von aller Herzlichkeit; denn weder der Prinz, noch weniger Sidonie vermochten mehr als eben nothwendig war, zu sagen, und ihre gegenseitige Abneigung machte sich in dem Moment des Wiedersehens in vermehrter Weise geltend. Mit dieser Begegnung hatte es vorläufig sein Bewenden, denn seit derselben suchte der Prinz sie nicht wieder auf.
Der Fürst besuchte Sidonie am zweiten Tage nach ihrer Ankunft und begrüßte sie mit großer Freundlichkeit, indem er ihr sein besonderes Wohlgefallen an ihrem gesunderen Aussehen zu erkennen gab und nicht anzudeuten unterließ, wie sehr ihn des Prinzen erneutes Interesse für sie freue und er daran die Hoffnung knüpfe, seine Wünsche erfüllt und die Aussöhnung zwischen ihnen endlich ermöglicht zu sehen.
Seine Worte durchrieselten Sidonie kalt, indem sie dadurch zugleich überrascht wurde. Denn es lag ihr die Ahnung fern, daß der Fürst noch eine solche Hoffnung hegte. Um so mehr erachtete sie es daher für nothwendig, ihm sogleich die Gehaltlosigkeit derselben und ihr bestimmtes Verlangen der Trennung zu erkennen zu geben.
Sie entgegnete:
»Ihre Worte, mein gnädiger Fürst, verrathen mir, daß Sie noch immer an die Möglichkeit einer Aussöhnung zwischen mir und dem Prinzen glauben. Vielleicht hat Sie mein bisheriges Schweigen über diese Angelegenheit dazu verleitet. Um so mehr fühle ich mich daher bewogen, Ihnen schon jetzt zu erklären, daß ich das Verlangen nach einer Trennung von dem Prinzen nicht aufgegeben habe und Ihnen dasselbe binnen kurzer Zeit wiederholt haben würde, hätten mich Ihre Worte nicht schon jetzt dazu veranlaßt.«