»Ich thue nur das, wozu mich eine langjährige, so schmerzenvolle Erfahrung berechtigt.«
»So sehe ich nicht, wohin das Alles führen soll,« warf der Fürst unmuthig hin.
»Doch, doch, mein gnädiger Fürst! Ihr Scharfblick wird die Verhältnisse leicht durchdringen und Sie zu der Erkenntniß leiten, daß nur die Erfüllung meines Wunsches eine entsprechende Lösung dieser Angelegenheit herbei zu führen vermag. Und damit Sie über meine Gesinnungen nicht länger in irgend einem Zweifel bleiben, erkläre ich Ihnen hiemit mit aller Bestimmtheit, daß ich nie und unter keinen Umständen jemals mehr in eine nähere Beziehung zu dem Prinzen treten werde. Ich achte den Prinzen nicht also, um ihm die Ehre zuzugestehen, mich fernerhin Gemahlin nennen zu dürfen; ich achte mich selbst aber so viel, um die Nothwendigkeit zu erkennen, mich von einem Manne zu trennen, der meine Ehre in so hohem Grade befleckte.«
»Ihre Worte verrathen mir, daß Sie nicht gesonnen sind, von Ihren überspannten Forderungen und Ansichten zu lassen!« rief der Fürst in ungewöhnlicher Aufregung, eine Folge der von Sidonien mit großer Ruhe und Bestimmtheit gesprochenen Erklärungen.
Die Prinzessin bekämpfte den dadurch in ihr erzeugten Unmuth, alsdann entgegnete sie:
»Sie nennen meine Ansichten überspannt; ich glaube, daß dieselben eine solche Bezeichnung nicht verdienen, und frage Sie, warum wir Frauen im Punkt der Ehre nicht gleich den Männern unsere eigenen Ansichten haben dürfen, nach welchen wir unsere Ansprüche bestimmen? Sie mögen durch Ihre Erfahrungen in der Schätzung der Frauen herabgestimmt worden sein und eine scheinbare Berechtigung dazu überdies in der herrschenden leichtfertigen Sitte finden; Sie gewinnen dadurch jedoch nicht das Recht, dieses Urtheil über mein ganzes Geschlecht auszudehnen. Hierauf beruht Ihr Irrthum, mein Fürst, hierauf auch Ihr falscher Schluß, daß, weil Sie nur Frauen leichten Charakters kennen lernten, auch nicht an wahre Frauenwürde glauben dürften. Das Geschlecht geht Ihnen über den Menschen. Sie vergessen zu erwägen, daß Sie vor Allem diesem seine Berechtigung einräumen müssen und ihr Urtheil dabei nicht durch sein Geschlecht bestimmen lassen dürfen. Ich selbst glaube Ihnen einen Beweis dafür zu liefern, und weiß sehr wohl, in wie weit ich dabei die von Ihnen gehegten Ansichten über die Frauen umstoße. Es gewährt mir jedoch eine große Genugthuung und ich erachte es für eine Pflicht gegen mich selbst und mein Geschlecht, Sie auf einen solchen Irrthum aufmerksam zu machen, dessen Folgen unter Umständen sehr bedeutungsvoll werden können.« Sidonie schwieg.
Der Fürst hatte ihr mit einem ironischen Lächeln und abwechselnden Aufblitzen seiner scharfen, graublauen Augen ruhig zugehört, ohne sie zu unterbrechen. Ihre Worte, von deren Wahrheit er sich getroffen fühlte, hatten ihn verletzt. Er sah sich genöthigt, ihr im Geheimen Recht zu geben, ohne jedoch hochherzig genug zu sein, ihr das einzugestehen. Der ihm gemachte Vorwurf gehaltloser Vorurtheile hatte seinen Unmuth erregt; er war daran nicht gewöhnt und daher um so tiefer dadurch betroffen worden. Er räumte Niemand das Recht ein, seine Ansichten vor ihm selbst in solcher Weise zu zerlegen, um ihn einer Schwäche oder eines Irrthums zu zeihen. Er glaubte die Welt und die Menschen genügend zu kennen, um in deren Beurtheilung berichtigt werden zu müssen. Und das hatte nun eine Frau, die einfache Prinzessin gethan und obenein in ziemlich schonungsloser Weise. Es war nicht seine Art, sich mit Frauen in eine ausgedehnte Unterredung einzulassen; er hielt sie für zu wenig befähigt, um sie einer solchen Ehre zu würdigen. Denn trotz der von Sidonien ausgesprochenen Auseinandersetzungen galten ihm die Frauen nur so viel, als sie ihm eben seinen Zwecken dienten. Er hatte jedoch auch aus der Prinzessin bestimmten Worten entnommen, an jenem Punkt mit ihr angelangt zu sein, wo Vorstellungen und Ermahnungen fruchtlos waren und er bedacht sein mußte, sich seine hoheitliche Autorität zu bewahren, um nicht an Einfluß auf sie zu verlieren. Er durfte ihr daher kein Zugeständniß ihrer Ansichten und Ansprüche machen, sondern mußte es ihr überlassen, sein Benehmen und seine Worte nach ihrem Belieben zu deuten. Und so entgegnete er mit einem ironischen Lächeln:
»Ich bin viel zu tolerant, um nicht jedem Menschen seine Ansichten zu lassen, vorausgesetzt, daß ich durch dieselben nicht irgendwie berührt werde. Dies Letztere ist nun bei Ihnen der Fall; doch bin ich weit entfernt, mich darüber in Erörterungen einzulassen. Es handelt sich hier um eine sehr ernste und wichtige Sache, und ich frage Sie daher, ob Sie auf dem Verlangen, Ihre Ehe zu trennen, bestehen?«
»Ja, mein Fürst,« entgegnete Sidonie ruhig und ohne Zögern.
»So werde ich den Prinzen damit bekannt machen und bitte das Weitere zu erwarten.«