»Ich weiß es und wünschte von Herzen, seine Worte hätten mich nicht zu mancher Bemerkung herausgefordert, die zu verschweigen in meiner Lage vortheilbringender gewesen wäre. Doch baue ich auf seine Einsicht und sein Gerechtigkeitsgefühl.«

»Möchte Dich Dein Vertrauen nicht täuschen!«

»So zweifelst Du daran?«

»Ich muß aufrichtig sein und dies bekennen. Mich macht die Ueberzeugung besorgt, daß, wenn der Fürst in die Trennung willigt, er auch bedacht sein wird, die Ehre des Prinzen so viel als möglich zu retten, vielleicht auf Deine Kosten. Er wird diese Angelegenheit lediglich als ein Staatsgeschäft behandeln und sich den möglichst größten Vortheil dabei zu sichern bedacht sein. Denn mit der Trennung wird auch sein Interesse für Dich ein Ende finden, da Du seinen Staatszwecken nicht mehr dienst, und so müssen wir auf mancherlei üble Erfahrungen vorbereitet sein.«

»Ich darf Dir nicht widersprechen; doch wenn dies auch sein muß, so glaube ich doch auch auf das Kommende vorbereitet genug zu sein, und die Aussicht, endlich aus diesen erniedrigenden Fesseln erlöst und dem so heiß ersehnten Glück zugeführt zu werden, wird mich kräftigen und meinen Muth erhalten. O schon jetzt, nachdem ich das entscheidende Wort gesprochen habe, fühle ich mich freier, glücklicher, und es ist mir, als hätten sich die Bande bereits gelockert, die meine Seele so lange niederhielten.«

»Ich glaube Dir, meine Gute, und freue mich von Herzen über Deinen Muth, den die Liebe nähren und erhalten wird,« entgegnete Aurelie, Sidonie umarmend.

»O, wenn diese Fesseln endlich fallen, wenn ich wieder frei bin wie einst, dann kehren wir dahin zurück, wo ich die reinsten und süßesten Stunden des Lebens genossen habe, dann darf mein Herz ohne Zwang die Sprache seiner Liebe sprechen, dann darf ich der Welt offen sagen, seht, dieser ist der Mann meiner Neigung und Achtung, er, den die Welt verehrt und schätzt, wie er es verdient. O, nun der Schritt gethan ist, frage ich mich, warum ich mich damals zum Zaudern durch den Fürsten bestimmen lassen und es über mich gewinnen konnte, auch nur einen Tag länger die Qual des Bewußtseins zu tragen, diesem verächtlichen Manne zu gehören. Wie tief mag Römer dadurch verletzt worden sein, diese edle, feinfühlende Natur. Doch nun ist ja Alles gut, und mein Handeln wird den Geliebten wieder ganz mit mir aussöhnen; sein Herz ist ja eben so edel als gütig!«

In solcher Weise drückte Sidonie ihre überwallenden Empfindungen aus, wozu ihre Lage sie drängte, alsdann fertigte sie ein Schreiben an ihren Bruder, den Herzog, um ihn mit ihrem Entschluß bekannt zu machen und ihn zugleich zu ersuchen, sie, sobald der Prinz und Fürst in Trennung willigten, bei sich aufzunehmen, um daselbst die Erledigung der betreffenden Verhandlungen abzuwarten. Denn es drängte sie, einen Ort so schnell als möglich zu verlassen, in welchem sie dieselbe Luft mit dem Prinzen athmete und sie Alles an ihre Leiden erinnerte. Lag zwischen ihr und dem Hof erst die Ferne, dann durfte sie auch nicht mehr eine Rückkehr an denselben fürchten, dann ließ sie die entehrenden Fesseln zerbrochen zurück und tauchte mit kräftigen Schwingen in den Aether der Freiheit.

Seit diesem Augenblick erfüllte sie eine erhöhte Lebenskraft. Aus dem Jahre langen Dulden endlich zum entscheidenden Handeln heraus getreten, fühlte sie sich erhoben, wie das stets zu sein pflegt.

Auf ihren Wunsch theilte Aurelie dem Grafen sogleich das Nähere über ihre Rückreise so wie den an den Fürsten gestellten Antrag mit; er sollte sogleich erfahren, daß sie ihm ihr Wort gehalten hatte, und dieses Bewußtsein seine trauernde Seele mit neuer Hoffnung erfüllen.