Es darf kaum erwähnt werden, wie sehr Römer dadurch beglückt wurde, und dies um so mehr, da er trotz Sidoniens Versprechen dennoch fürchtete, sie würde trotz des sie erfüllenden Muthes dennoch durch die sich ihr entgegen stellenden Hindernisse von diesem Schritt zurück geschreckt werden. Und auch selbst nachdem er die bedeutsamen Worte erhalten hatte, drängte sich mancher beunruhigende Zweifel über das Gelingen ihrer Absicht in seine Seele, und so konnte es nicht ausbleiben, daß sein Wesen die Sorge des Herzens verrieth. Diese wurde überdies noch durch das Bedauern erhöht, Sidonien in dieser so wichtigen Zeit nicht nahe sein zu können. Ihr Alleinsein beängstete ihn; denn er fürchtete, und mit Recht, den großen Einfluß des Fürsten und der Verhältnisse auf sie.

Sein Seelenzustand konnte seiner ihn so innig liebenden Mutter nicht verborgen bleiben, und in der Voraussetzung, daß derselbe durch die Trennung von Sidonien hervor gerufen worden war, entschloß sie sich, ihm die, wie sie wußte, heiß gewünschte Freiheit zum Wiedersehen der Prinzessin zu bieten. Um ihm jedoch ihre Absicht nicht zu verrathen, benutzte sie eine zufällig eintretende Unpäßlichkeit ihrer verheiratheten Tochter als Vorwand zu der Mittheilung, bei dieser eine längere Zeit verweilen zu wollen. So innig Römer seine Mutter auch liebte, kam ihm dieser Umstand doch sehr gelegen, indem dadurch die Befriedigung seines Verlangens ermöglicht werden konnte.

Am Abend vor der Trennung befanden sich Mutter und Sohn wie gewöhnlich allein bei einander und besprachen allerlei die Familie betreffenden Verhältnisse. Nachdem dieselben erledigt worden waren, ergriff die Gräfin nach kurzem Schweigen das Wort und bemerkte:

»Ich glaube mich in der Voraussetzung nicht zu täuschen, mein Sohn, daß Du während meiner Abwesenheit wahrscheinlich die Residenz besuchen wirst.« —

»Ich denke, es wird so sein,« entgegnete Römer zögernd und indem er erröthete.

»Zwischen Mutter und Sohn darf kein Geheimniß obwalten,« fuhr die Gräfin fort, indem sie seine Hand ergriff und ihn mild und freundlich anblickte; »darum wollen wir mit aller Aufrichtigkeit zu einander sprechen. Ich habe längst Deine tiefe Neigung für Prinzessin Sidonie bemerkt und brauche Dir nicht zu sagen, wie schmerzvoll ich im Hinblick auf die obwaltenden Verhältnisse dadurch betroffen worden bin. Du bringst dieser Liebe Dein ganzes schönes Leben zum Opfer. Du hast die Thränen nicht gesehen, welche ich darüber vergossen habe, und es soll auch hier nicht davon die Rede sein. Ich kenne Deinen Charakter zu gut, um nicht zu wissen, daß bei der Tiefe Deiner Neigung ein Uebertragen derselben auf ein anderes weibliches Wesen nicht möglich ist, und Du viel zu edel denkst, um ein Mädchen, ohne Liebe für sie zu fühlen, zu Deiner Gattin zu erwählen. Das Rechte und Gute anzuerkennen, selbst wenn wir auch dadurch betrübt werden, ist eine Pflicht der Vernunft, und ich unterdrücke darum den tiefen Schmerz, den ich im Hinblick auf alle diese traurigen Umstände fühle. Wer, wie ich, das Glück der Liebe in der ungetrübtesten Heiterkeit so viele Jahre genossen hat, fühlt es um so inniger, daß seinem eigenen geliebten Kinde ein so übles Loos zu Theil werden mußte. Warum konntest Du nicht gleich uns glücklich werden! Doch es scheint, daß auch in Bezug auf die Neigungen der Menschen zu einander ein besonderes Geschick obwaltet, dem wir nur selten zu entgehen vermögen, und so habe ich mich in den Gedanken zu finden gesucht, daß es nicht anders sein soll.«

Sie schwieg bewegt und ihr bekümmertes Auge feuchtete sich.

Römer drückte, nicht minder bewegt, seine Lippen auf ihre Hand.

Nach kurzer Pause fuhr die Gräfin fort:

»Du bist noch nicht alt, Bernhard, und dennoch sehe ich schon viele Silberfäden in Deinem Haar, ein Zeichen des tiefen, verschlossenen Kummers, den Du schon seit Jahren in Dir trägst. Denn wie das Glück den Menschen verjüngt, so altert der Kummer ihn rasch und vor der Zeit.« —