Und aus dem feuchten Auge drängte sich jetzt eine volle Thräne und rann langsam auf der blassen, feinen Wange nieder. Römer bemerkte dies nicht, denn er hielt das Haupt vor ihr geneigt.

Die Gräfin bemühte sich, ihre Rührung zu beherrschen, und nahm alsdann ihre Mittheilung wieder auf.

»Doch,« sprach sie, »ich sollte Dich nicht an Dinge erinnern, die Dich betrüben müssen, besonders in der Stunde vor der Trennung für längere Zeit; das Mutterherz hängt jedoch mit zu großer Liebe an dem Kinde, um die Zeichen seines frühen Verblühens in Schmerz und Vereinsamung nicht zu beklagen; darum vergieb mir, mein Sohn!«

Des Grafen Bewegung war viel zu tief, um ein Wort hierauf erwidern zu können. Die Lippen seiner Mutter sprachen zum ersten Mal all' das Schmerzliche offen aus, was er bisher ertragen hatte und sich selbst nicht gestehen mochte. Aber ihre Liebe und Milde thaten ihm wohl, ihre Lippen entheiligten sein Geheimniß nicht, sondern verliehen demselben eine wohlthuende Bedeutung. Und mit vermehrtem Dankgefühl neigte sich auch jetzt sein Mund auf ihre Hand.

»Nicht wahr, mein theurer Sohn, ich hatte nicht Unrecht?« fragte sie.

Römer bejahte stumm.

»Sieh, Bernhard,« fuhr sie gesammelter fort, »ich würde Dein Unglück ruhiger ertragen, wenn mich nicht schon lange die Sorge bedrängte, es könnte Dir aus diesem Verhältniß irgend ein Unheil erwachsen. Wie Du mit der Prinzessin stehst, weiß ich nicht; doch bin ich überzeugt, daß Ihr niemals die Schranken übersehen habt, welche Euch trennen. Dazu kenne ich meinen Sohn und die Prinzessin zu wohl. Dennoch sah ich Dich stets nur mit Kummer an den Hof ziehen, vernahm mit vermehrter Unruhe Deinen näheren Umgang mit Sidonien und immer und immer quälte mich jene Besorgniß. Vielleicht gehe ich darin zu weit, vielleicht ist meine Angst durchaus unbegründet; denn was vermöchte man einem Schuldlosen vorzuwerfen? Und dennoch drängt es mich gerade vor unserer Trennung, Dich an das Alles zu erinnern und Dich durch mein Wort zu steter Vorsicht zu veranlassen. Ich weiß, wie es an des Fürsten Hof zugeht, weiß, daß der Glaube an Sittlichkeit daselbst längst keine Stätte mehr hat, und weiß überdies, daß uns weder unsere Unschuld noch unsere sittlichen Vorzüge vor der Verleumdung mit ihren übeln Folgen schützen. Man pflegt meistens nur das zu billigen, was man selbst anerkennt, und hält Andere nicht für besser, als man selbst ist, und diesen Grundsätzen huldigt vor Allem des Fürsten Hof. Habe ich Recht, mein Sohn?«

»O gewiß, gewiß!« fiel Römer ein.

»Da Du dies erkennst, so zweifle ich auch nicht, daß Du nach meinem Rath thun wirst, und das beruhigt mich. Auch weiß ich ja, daß Du besonnen genug bist, das Nahen etwaiger Gefahren zeitig genug zu erkennen, um Dich vor ihnen schützen zu können. Und so möge Dich der Himmel behüten und Dir alle jene Freuden gewähren, die Deine Ehre rechtfertigen kann, wenn sie auch Dein Herz unbefriedigt lassen!« Sie endete und küßte ihn bewegt wiederholt auf die Stirn.

Welches Herz verschlösse sich wol dem heiligsüßen Ton der Mutterliebe! Am wenigsten hätte dies bei Römer der Fall sein können, vielmehr wurde er von derselben so sehr angegriffen, daß er der Gräfin sein ganzes Herz öffnete, ihr seine Freuden, aber auch alle schmerzvollen Kämpfe und Sorgen mittheilte, und seine Worte mit der beglückenden Nachricht schloß, daß nun die Leiden bald ein Ende erreicht und seine Wünsche befriedigt werden würden. Die Gräfin erschrak in Folge dieser Mittheilung heftig. Die Trennung der Ehe, und namentlich fürstlicher Personen, erschien ihr überaus bedeutungsvoll, und um so mehr in diesem Fall, bei welchem ihr Sohn betheiligt war. Denn lag die Vermuthung nicht nahe, daß Sidonie dazu wahrscheinlich nicht nur durch des Prinzen Verhalten, sondern auch durch die Liebe zu ihrem Sohn veranlaßt worden war? — Gewiß. Dieser Umstand steigerte ihre Unruhe, die sie dem Sohn zu erkennen gab, worauf er entgegnete: