»Ich verhehle nicht, meine theure Mutter, daß Ihre Voraussetzung nicht ungegründet ist; doch bitte ich Sie auch, die Verhältnisse zu erwägen, unter welchen Sidonie schon seit Jahren gelitten hat, und versichere Sie, daß bei ihrem Entschluß ihre Ehre eben so maßgebend gewesen ist, als ihre Liebe.«
Und er war bedacht, ihr auseinander zu setzen, daß Sidonie sich nur durch eine Trennung von dem Prinzen zu retten vermochte, wollte sie ihr Leben nicht nutzlos einem übertriebenen Pflichtgefühl opfern. Er sprach mit der ganzen Wärme seiner Liebe und Ueberzeugung, und es konnte nicht ausbleiben, daß die Gräfin Sidoniens Schritt endlich billigte und zugleich mit ihrem Sohn die Freude mit empfand, welche sich an denselben für ihn knüpfte. Es war ihr der Gedanke so beglückend, diese Liebe endlich doch noch durch den ersehnten Verein belohnt und damit ihres geliebten Sohnes Leben verschönt zu sehen.
»So kann ich denn mit einer schönen Hoffnung von Dir scheiden, mein theurer Sohn. Ziehe denn dahin, wohin Dich eine heilige Pflicht ruft. Ich weiß, Du wirst dieser und Deiner Ehre gemäß handeln. Alles Weitere müssen wir vertrauend dem Himmel anheim geben, der Dich und die arme Prinzessin mit der erforderlichen Kraft stärken möge. Hoffentlich wirst Du mich dann bald durch die Nachricht von Deinem künftigen Glück erfreuen; ich werde ihr mit Ungeduld entgegen harren.«
Also sprach die edle Gräfin in freudiger Bewegung und schied dann von dem Sohne. Diese Unterredung war namentlich für sie in einer ganz andern Weise zu Ende geführt worden, als sie erwartet hatte; statt Kummer und Sorge begleitete sie nun Freude und Hoffen auf dem Wege zu ihrer Tochter.
Wenige Tage nach der Abreise seiner Mutter begab sich der Graf zu Sidonien, von der Gewißheit beglückt, ihr nun für längere Zeit nahe sein und mit seinem Rath bei der Erledigung der bekannten Angelegenheit beistehen zu können.
Drittes Kapitel.
Der Fürst kehrte nach der Unterredung mit Sidonien in einer sehr übeln Stimmung in sein Palais zurück. Sich in allen seinen so gewissen Erwartungen in der bezeichneten Weise getäuscht zu haben, die in dieser Hinsicht mit Berechnung angelegten Pläne als vollkommen unnütz erkennen zu müssen, verdroß ihn in hohem Grade. Dazu gesellte sich überdies noch der wichtige Umstand, durch Sidoniens festes Beharren auf ihrem Verlangen genöthigt zu sein, gerade Dasjenige ausführen zu müssen, was er zu vermeiden so sehr bedacht gewesen war. Denn nach der so entschiedenen Erklärung der Prinzessin machte das Staatsinteresse die Trennung der Ehe und eine Neuvermählung des Prinzen unumgänglich nothwendig. So war der gefürchtete Eclat denn sicher, und mit demselben verband sich zugleich die nahe liegende Besorgniß, der üble Leumund über den Prinzen dürfte mancherlei Hindernisse bei der Wahl einer Prinzessin herbeiführen. Denn lag auch eine Verlockung in der Aussicht, die Gemahlin des künftigen Regenten zu werden, so mußte doch das Bekanntwerden der wenig lobenswerthen Eigenschaften desselben, welche die Trennung der Ehe des Prinzen herbeigeführt hatten, die etwa erwählten fürstlichen Damen auf das Eingehen einer Ehe mit ihm bedenklich machen, da ihnen ein ähnliches Schicksal wie Sidonien bevorstand.
Alle diese so wichtigen Bedenken veranlaßten den Fürsten, sich in seinen Maßnahmen nicht zu übereilen, sondern vorläufig mit dem Prinzen über Sidoniens Verlangen zu sprechen und ihm die Nothwendigkeit einer Neuvermählung vorzustellen. Zugleich gedachte er ihn auf die dabei zu erwartenden Hindernisse aufmerksam zu machen, damit der Prinz durch eine gemäßigte Lebensweise seinen guten Ruf wieder herstellte und somit sicherer auf die Annahme einer Werbung hoffen durfte.
Seinem Vornehmen getreu, ließ der Fürst den Prinzen ein paar Tage darauf zu sich bescheiden und theilte ihm das Obige mit. Der Prinz zeigte sich über das Vernommene in hohem Grade überrascht, erklärte sich jedoch zugleich ohne irgend welches Bedenken zu einer Wiedervermählung geneigt, indem er die Ueberzeugung aussprach, daß die von dem Fürsten in dieser Beziehung gehegten Besorgnisse sich nicht bestätigen würden.
Ein solches, durchaus nicht erwartetes Entgegenkommen überraschte den Fürsten überaus angenehm und er sprach dem Prinzen seine Freude darüber aus, indem er ihm zugleich anempfahl, die Angelegenheit so geheim als möglich zu behandeln, damit die Welt nicht allzu viel davon erführe und man den Vortheil gewinnen könnte, das Urtheil derselben darüber im eigenen Sinn zu lenken.