Römer traf in dieser Zeit in der Residenz ein, und die Absicht, den Winter daselbst zuzubringen, veranlaßte ihn, sich sofort eine entsprechende Wohnung zu besorgen und in derselben einzurichten.

Es darf kaum bemerkt werden, wie überaus angenehm Sidonie durch seine ungehoffte Ankunft überrascht wurde und wie sich ihre Freude in der Gewißheit steigerte, den ihr unter den obwaltenden Umständen doppelt theuern Freund nun dauernd zur Seite zu haben, und durch seine Nähe und seinen Rath ermuthigt und beruhigt, ihre Absicht hinsichts der Trennung ihrer Ehe mit größerer Sicherheit verfolgen zu können.

Seine Zusprache war ihr um so nothwendiger, da ihr Bruder auf ihre Mittheilung ihr sein ganzes Mißfallen über ihr Verlangen zu erkennen gegeben hatte. Er erachtete das letztere für ungerechtfertigt und sprach darum auch die bestimmte Absicht aus, dasselbe in keiner Weise unterstützen zu wollen. Er machte ihr den Vorwurf der Prüderie und Unklugheit und gab es ihr schließlich anheim, nach eigenem Gutdünken ihre Sache auszufechten. Er verhehlte ihr nicht, diese seine Ansichten und Entschließungen dem Fürsten zu erkennen gegeben zu haben, und stellte sich damit auf des Letzteren Seite.

Sidonie litt unter dieser nicht geahnten Lieblosigkeit ihres Bruders um so mehr, da sie auf seinen ihr so wichtigen Beistand mit Sicherheit gerechnet hatte und diesen im Hinblick auf die besonderen Umstände für selbstverständlich erachtete.

Aus seinen Vorwürfen und seinem Verhalten erkannte sie nun zu ihrer großen Bestürzung, daß auch er dem Einfluß der herrschenden Sitten unterlegen sei, und das schmerzte sie tief, indem sie zugleich die niederdrückende Ueberzeugung erfüllte, nun auch nicht in die Heimath zurückkehren zu können, wie sie es so sehr gewünscht hatte.

Was konnte ihr dieselbe unter so übeln Umständen noch bieten? Statt Ruhe und Trost nur noch der Mißmuth und die vorwurfsvollen Mienen eines Bruders.

So tief wirkte der herrschende Zeitgeist.

Sie sah sich in Folge dessen in die peinigende Verlegenheit gesetzt, vorläufig in der Residenz zu verweilen, gedachte jedoch ihren Aufenthalt daselbst so viel als möglich abzukürzen und, sobald es die Verhältnisse gestatteten, sich nach dem von ihr früher besuchten Badeort zu begeben und hier das Weitere abzuwarten. Zwar hätte sie Aufnahme an einem befreundeten Hofe gefunden; es widerstrebte jedoch ihrem Gefühl, sich mit einer Bitte darum an einen solchen zu wenden.

So wollte sie, da ihr die Heimath verschlossen war, sich eine neue Heimath in angenehmer Unabhängigkeit gründen; denn was nach erfolgter Trennung von dem Prinzen geschehen sollte, war noch eine unbesprochene Frage, die weder sie noch der Graf zu berühren für gut gefunden. Als nun ihres Bruders Brief anlangte, theilte sie dem Letzteren den Inhalt desselben, sowie ihren Entschluß der Uebersiedlung nach dem Badeort mit, und Römer stimmte ihr darin bei, da sich ein anderer Ausweg nicht finden ließ.

Sidonie hatte nach ihrer Rückkehr ihre frühere Lebensweise in der Absicht wieder aufgenommen, sich dadurch die gewünschte Gelegenheit zu verschaffen, Römer ungezwungener sehen zu können.