»Es war etwa die zehnte Stunde,« erörterte der Chevalier, »als mich Serenissimus zu sich befehlen ließen. Als ich eintrat, kam er mir mit einem eigenthümlichen Ausdruck in seinem Antlitz entgegen, jedoch nicht unfreundlich, und bemerkte: »»Hören Sie, Boisière, besondere Umstände haben mich überzeugt, daß wir dem Baron ein Unrecht gethan, und da habe ich mich denn kurz entschlossen, dasselbe wieder gut zu machen. Bringen Sie dieses Schreiben der Baronin; denn es wird ihr Freude bereiten, wenn ihr Sohn durch sie die Begnadigung erhält. Ich habe absichtlich Sie zum Ueberbringer derselben erwählt, weil ich voraussetze, daß es Ihnen lieb sein wird, dadurch zugleich die Gelegenheit zu finden, sich mit Mutter und Sohn wieder auszusöhnen, die Ihnen wie mir ein wenig grollen werden.«« Also sprach Serenissimus in leutseligem Ton, und ich drückte ihm meine Ueberraschung und meinen tiefsten Dank aus, mir diese Gelegenheit zu gewähren, Ihre und Ihres Sohnes mir so unschätzbare Freundschaft wieder zu erwerben. Und so bitte ich, vergessen Sie das Vorgefallene und schenken Sie Ihrem alten Freunde Ihr Wohlwollen auf's Neue.« Mit diesen Worten ergriff er ihre Hand und drückte zärtliche Küsse darauf.
»Von Herzen, mein theurer Freund! Wie könnte ich Ihnen grollen, da Sie wie auch der Fürst lediglich das Opfer einer Täuschung waren. Die Gnade unseres Gebieters macht Alles wieder gut.«
Also rief die über die Maßen glückliche Baronin, während sie zugleich im Geheimen einen vertraulichen Blick mit dem Kapitän austauschte.
»Doch, mein Freund, sind Ihnen etwa die Umstände bekannt geworden, welche diese Sinnesänderung in dem Fürsten erzeugt haben?« fragte die Baronin forschend.
»Ich vermag Ihnen nichts Gewisses zu sagen und habe darüber nur Vermuthungen.«
»Und welche, mein bester Chevalier?«
Dieser zögerte mit einer Antwort, wodurch die Baronin veranlaßt wurde zu bemerken:
»Kapitän Bieberstein ist ein intimer Freund meines Sohnes und verläßt schon heute die Residenz, um in die Garnison zu dem Letzteren zurückzukehren; er wird ihm die erfreuliche Botschaft des Fürsten überbringen und ihm unsere Unterredung mittheilen, und sie erkennen aus diesen Umständen, daß jede Zurückhaltung in dieser Angelegenheit von meinem Sohn herzlich bedauert werden würde.«
»Das ist freilich etwas Anderes, und so will ich denn meine Meinung aussprechen, obwohl Ihnen dieselbe auch nur wenig Aufklärung gewähren dürfte,« entgegnete Boisière. »Ich meine,« fuhr er vertraulich fort, »der gestrige räthselhafte Vorfall mit der Maske dürfte mit des Fürsten Intentionen in irgend einer Verbindung stehen.«
»Woher glauben Sie das?«