»Sie haben aus des Chevaliers Worten entnommen, welchen Werth dieselben unter den obwaltenden Umständen bei Hofe besitzen. Ich kenne meinen Sohn zu genau, um nicht überzeugt zu sein, daß er durchaus sicher gegangen ist. Doch die Folge wird es uns ja noch deutlicher zeigen. Jetzt, lieber Bieberstein, gestatten Sie mir, meinem Sohn zu schreiben, damit er durch Sie die ihm so willkommene Botschaft erhält. Ich erwarte Sie zum Diner und dann plaudern wir noch ein Stündchen.«
Sie reichte ihm die Hand, wobei sie nicht unterließ, den ziemlich hübschen Kapitän gleichfalls mit einem koketten Lächeln zu beglücken, das nach Belieben gedeutet werden konnte, ohne den Beglückten irgend welcher Gefahr einer Täuschung auszusetzen.
Als die Baronin allein war, athmete sie froh auf; ihr Auge leuchtete freudig; welch' ein überaus glücklicher Tag war der heutige! Derselbe hatte sie gleichsam mit Freuden überschüttet. Nochmals las sie des Fürsten Billet und Marianens Schreiben, und dieselben alsdann hoch haltend, sprach sie vor sich hin: »Diese Schätze sichern uns eine große Zukunft!«
Wir kehren jetzt zu dem Grafen zurück. Seinem Vornehmen getreu, änderte er nichts in seiner bisher beobachteten Lebensweise. Er ließ sich an einzelnen öffentlichen Orten sehen, besuchte seine Freunde und besprach mit ihnen in der unbefangensten Weise das Fest und den bereits ziemlich allgemein bekannten Vorfall mit der mysteriösen Maske. Allerlei Vermuthungen wurden dabei ausgesprochen, ohne daß man jedoch die eigentliche Bedeutung desselben ergründet zu haben schien; denn auch nicht die leiseste Anspielung verrieth dies, welche jedenfalls erfolgt wäre, würde man mit dem Sachverhalt bekannt gewesen sein. Eben so fruchtlos war des Grafen absichtliches Bemühen, Aufklärung zu erhalten oder den unbekannten Warner zu entdecken. Niemand verrieth sich ihm als derselbe, noch auch fand sich dieser veranlaßt, sich dem Grafen zu nahen und ihm die Dringlichkeit seines Rathes an's Herz zu legen, wozu die beharrliche Anwesenheit des Grafen herausforderte. Wäre, so sagte sich dieser, der unbekannte Freund ein wahrer gewesen, so würde er seine Warnung wiederholt und zugleich durch Erklärungen unterstützt haben. Da dies im Lauf des Tages jedoch nicht erfolgte, so hielt sich der Graf auch zu der Annahme berechtigt, vielleicht getäuscht, vielleicht sogar auf die Probe gestellt worden zu sein. Diese Ueberzeugung, die sich immer mehr bei ihm befestigte, beunruhigte ihn; denn er glaubte darin den Beweis zu finden, daß die gegen ihn und Sidonie gesponnene Intrigue mit großem Vorbedacht angelegt und erwogen sei. Er mußte daher auf Alles gefaßt sein. Denn daß es in diesem Fall nicht ihm allein galt, konnte für ihn kein Zweifel mehr sein. Er war gewöhnt, nach Tisch einen Ritt in's Freie zu machen, und that dies auch heute, obgleich das Wetter dazu wenig einladend war; so sehr war er bedacht, seine Unbefangenheit zu zeigen.
In der Erwartung, vielleicht bei seiner Rückkehr durch irgend eine Maßnahme überrascht zu werden, fand er sich dennoch beim Betreten seiner Wohnung getäuscht. Weder hatte ihn Jemand aufgesucht, noch war ein Schreiben oder eine Bestellung eingelaufen.
Ueberraschte ihn dieser Umstand auch, da die erhaltene Warnung dergleichen erwarten ließ, so beruhigte ihn derselbe doch auch zugleich, indem er daraus die Ueberzeugung schöpfte, daß man Gründe hatte, die vorausgesetzte Angelegenheit nicht zu übereilen.
So nahte der Abend und er begab sich zu der gewöhnten Stunde zu Sidonien. Er befand sich in großer Spannung, welche die Ungewißheit erzeugte, in wie weit die Geliebte von dem Allen betroffen und ob sie überhaupt mit dem Vorfall bereits bekannt gemacht worden war. Ehe er das Palais betrat, bemühte er sich, die erforderliche Ruhe zu gewinnen, und nachdem ihm dies in einem gewissen Grade gelungen war, ließ er sich bei der Prinzessin melden.
Er wurde angenommen und dieser Umstand beruhigte ihn, mehr noch jedoch die Unbefangenheit, mit welcher ihn Aurelie wie gewöhnlich empfing.
Rasch that er einige Fragen an sie, ob irgend etwas Besonderes vorgefallen sei oder Sidonie betroffen hätte; als dies Aurelie mit Ueberraschung über sein Verhalten verneinte, theilte er ihr alsdann mit wenigen Worten das Vorgefallene mit.
Aurelie erschrak in hohem Grade; doch die Verhältnisse gestatteten keine Erörterung, und so begaben sie sich schweigend zu der Prinzessin.