Diese empfing ihn in einer gewissen Erregung. Sein Besuch war ungewöhnlich und hatte sie in hohem Grade überrascht, indem sich ihr die Vermuthung zugleich aufdrängte, daß irgend ein wichtiger Vorfall ihn dazu veranlaßt haben müßte. Ueberdies war sie von allerlei trüben Ahnungen schon seit längerer Zeit erfüllt, die sie auf Uebles vorbereitet hatten. Kaum hatte sie daher des Grafen und Aureliens besorgte Mienen erkannt, als auch sie erschrak und bemerkte:

»Meine Ahnung scheint mich nicht getäuscht zu haben; es ist etwas von Bedeutung vorgefallen.« Sie heftete zugleich ihr Auge forschend an das seine.

»Es ist so, meine theure Freundin, und ich bitte Sie, sich auf schlimme Dinge gefaßt zu machen,« entgegnete Römer und erkundigte sich alsdann nochmals, ob irgend etwas Besonderes sie betroffen hätte.

»Durchaus nicht. Der Tag ist mir in der gewöhnten Einförmigkeit dahin gegangen; nur beunruhigte es mich, daß Aurelie keine Nachricht von Ihnen erhielt,« entgegnete Sidonie.

»So vernehmen Sie denn, was geschehen ist und wie weit wir davon betroffen worden sind,« fiel der Graf ein und theilte ihr alsdann das Bekannte mit, indem er ihr zugleich das erhaltene Billet zeigte.

Sidonie hatte seine Worte mit tiefer Erschütterung vernommen; als er endete, entgegnete sie in schmerzvoller Bewegung:

»O, wäre mir das erspart worden! Ein namenloses Weh ergreift mich bei dem Gedanken, mein heiligstes Gut von diesen Menschen angetastet, bespöttelt und verurtheilt zu sehen! Denn sie werden es thun, wenn sie nicht noch Aergeres im Sinn haben.«

»Das Letztere fürchte ich, und muß das um so mehr besorgen, da das erhaltene Billet darauf hindeutet. Jedenfalls, meine theure Freundin, steht uns irgend ein Kampf mit noch ungekannten, vielleicht auch bekannten Feinden bevor, auf welchen wir gefaßt sein müssen.«

»So wird es sein, und ich denke, mein Freund, wir kennen diejenigen, die es sich angelegen sein ließen, das Geheimniß unserer Liebe zu erforschen. Dies, ich bin überzeugt, werden sie als ein Mittel für ihre niederen Zwecke gebrauchen, obwol ich nicht einsehe, wie sie das könnten und — zu welchem Zweck sie das thun sollten.«

»Wenn ich auch Ihre Ansicht theile, so erinnere ich Sie doch, daß man gewiß mit Vorbedacht zu Werke gegangen ist und die Rachsucht überdies vor keinem Mittel zurückschreckt, um ihre Ziele zu erreichen.«