»Und wenn dem auch wirklich so wäre, mein Freund, wer darf es wagen, unsere Liebe als ein Vergehen zu bezeichnen!«
»Die Falschheit, die Tücke und vielleicht die — — Staatspolitik« — — bemerkte Römer.
»Sie haben Recht, die Staatspolitik!« fiel Sidonie, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, ein und fuhr alsdann mit Erregung und Unmuth fort: »Nun, mögen sie denn versuchen, was sie über mich vermögen; ich will in dem Gefühl meiner Schuldlosigkeit und in dem erhebenden Bewußtsein meiner Liebe vor einem mir angebotenen Kampf mit ihnen nicht zurück schrecken. O, mein theurer Freund, die Arglist übersieht, daß sie dem schuldlos Leidenden dadurch eine Waffe in die Hand giebt, indem sie ihm das Uebelste zumuthet und vor ihm ihre ganze Schamlosigkeit enthüllt. Das, fürchte ich, wird geschehen, das aber wird mir auch den Muth geben, den ich diesen Menschen gegenüber gebrauche. Darum fürchten Sie nicht für mich. Was, mein Freund, hätten wir auch zu fürchten? Ich wüßte nicht.«
Sie reichte ihm die Hand und blickte ihm liebevoll in die Augen, indem sie fortfuhr: »Und wir kämpfen gemeinschaftlich und haben nur ein Ziel; das wird uns Kraft verleihen.«
»Wie sehr beruhigen und beglücken mich Ihre Worte! Mein Schmerz über den Verrath war nur darum so groß, weil ich wußte, wie tief Sie davon getroffen werden würden. Jetzt bin ich ruhiger, da ich Sie so gefaßt sehe. Denn nach dem Erfahrenen unterliegt es wol keinem Zweifel mehr, daß uns eine trübe Zukunft erwartet.«
»Ja, mein Freund, so wird es sein; aber ich denke auch, um Liebe leiden sei nicht schwer,« entgegnete Sidonie in zärtlichem Ton.
Der Graf neigte seine Lippen auf ihre Hand und bemerkte alsdann:
»Lassen Sie uns diese Stunde benutzen, um uns über das zu Erwartende zu verständigen. Es könnten uns vielleicht unvorhergesehene Umstände in irgend welcher Weise herausfordern, ja, es dürfte nicht ganz unmöglich sein, daß wir nicht sobald wieder zu einander kommen und daher unsere Gedanken auch nicht austauschen können, und so ist es gut, dies schon jetzt zu thun.«
Sidonie stimmte ihm darin bei und er bat sie, falls er verhindert wäre, sie zu sprechen oder ihr Nachricht zugehen zu lassen, seine Mutter durch Aurelie mit ihren Wünschen bekannt machen zu lassen, und zu erwarten, daß dieselbe durch deren Erfüllung sehr beglückt sein würde. Zugleich theilte er ihr seine Unterredung mit seiner Mutter mit und verschwieg ihr deren Zustimmung zu seiner Liebe nicht. Diese Nachricht erfreute Sidonie in hohem Grade und sie vertraute ihm, wie tief sie unter der naheliegenden Voraussetzung, daß seine Liebe zu ihr von seiner Familie nicht gebilligt würde, bisher gelitten hätte.
Und sie besprachen alsdann noch mancherlei Dinge, die für sie von Wichtigkeit waren, und es trat mit diesen Mittheilungen, an welchen sich auch Aurelie voll Wärme betheiligte, immer mehr Ruhe in ihre Seele. Der Graf kürzte seinen Besuch ab und schied alsdann, nachdem sie verabredet hatten, sich nur in den dringendsten Fällen Mittheilungen zukommen zu lassen und diese auch nur durch die zuverlässigsten Personen. Aurelie schlug dazu ihre Freundin, Frau von Techow, vor, durch welche sie die letzteren besorgen lassen wollte; auch gedachte sie bei derselben wie ehemals mit ihm zusammen zu kommen, falls die Umstände es erheischen sollten.