Das Scheiden wurde ihnen heute schwerer denn je. Sie sagten sich in der Furcht Lebewohl, vielleicht für lange Zeit von einander getrennt zu bleiben. Zwar gedachte Sidonie, wie sonst ihre Wochengesellschaft zu geben, und der Graf versprach, dieselbe, falls es ihm nicht unmöglich gemacht wurde, jedenfalls zu besuchen; sie zweifelten jedoch an deren Zustandekommen und schöpften die Gründe dazu aus den obschwebenden Verhältnissen; denn sie trennten sich mit der Gewißheit, daß ihnen die nahenden Tage wichtige Ereignisse bringen würden.
Der Graf verließ das Palais. Er hatte sich heute zu Fuß dahin begeben und es verabsäumt, seinen Wagen nachkommen zu lassen, wie das sonst wol unter ähnlichen Umständen zu geschehen pflegte. Der Abend war dunkel; der Himmel mit Wolken bedeckt; die Luft rauh und durch einen eisigen Zug aus Norden um so empfindlicher gemacht. Römer hüllte sich fester in seinen Mantel und trat den Heimweg an.
Nur vor dem Palais brannten mehre Lampen; die Stadt selbst war äußerst spärlich erleuchtet, und wer zu dieser Zeit nicht eine Laterne auf seinem Gange mit sich führte, mußte große Vorsicht beobachten, um nicht über das schlechte Pflaster zu stolpern, oder in eine der vielen Pfützen zu gerathen, die sich überall geltend machten.
So schritt auch Römer, durch die bezeichneten Hindernisse genöthigt, seine Aufmerksamkeit auf die Vermeidung derselben zu richten, langsam und vorsichtig weiter, in Folge dessen ihm ein Umstand entging, der im Hinblick seiner Lage für ihn von Bedeutung genannt werden mußte.
Kaum hatte er sich nämlich einige Schritte von dem Palais entfernt, so tauchten aus der Dunkelheit der neben dem letzteren befindlichen Anlagen zwei Personen auf, die den Nebenausgang, aus welchem der Graf gekommen war, bisher beobachtet hatten und ihm nun in einer gewissen Entfernung folgten. Ohne die Gegenwart und das Interesse derselben für ihn zu ahnen, schritt der Graf durch eine Straße und erreichte alsdann eine am Wasser gelegene Allee, durch welche er gehen mußte, um zu seiner Wohnung zu gelangen.
Die späte Abendstunde, das üble Wetter und die nichts weniger als einladende Dunkelheit hatten diese ohnehin einsame Promenade von jedem Menschenverkehr geleert, ganz abgesehen, daß die Stadt um diese Zeit überhaupt nur wenig belebt zu sein pflegte.
Der Graf blieb hier stehen, um einige Augenblicke zu ruhen, bevor er den Weg durch die ziemlich lange Allee antrat.
Vom Winde beunruhigt, klatschte das Wasser gegen die steinernen Ufer, knarrten die dürren Aeste der hohen Bäume und rieben sich gegen einander, und hin und her brach ein Zweig und fiel tönend zur Erde. Römer achtete auf alles das nicht, lediglich von seinen trüben Gedanken beschäftigt; denn so sehr ihn auch Sidoniens froher Muth beruhigt hatte, quälte ihn dennoch die Ueberzeugung, daß derselbe in hohem Grade herausgefordert werden und die Geliebte darunter schmerzlich zu leiden haben würde. Allerlei Entschlüsse keimten in seiner Seele, um Sidonie davor zu schützen, und in Erwägung derselben betrat er die Allee und schritt darauf weiter fort.
Er hatte ungefähr die Mitte der letzteren erreicht, ohne irgend Jemand zu begegnen, als ein schriller Pfiff vor ihm ihn aus seinem Nachdenken unangenehm aufstörte. Rasch blickte er vor sich hin und gewahrte mehre Personen auf sich zukommen. Noch bemüht, dieselben zu erkennen, wurde er plötzlich von der Rückseite gefaßt, ihm eine Kapuze über den Kopf geworfen, der Mantel abgerissen, ihm der Degen genommen und die Hände gefesselt. Alles das geschah so überraschend schnell, daß der Graf sich nicht im geringsten zu vertheidigen vermochte. Nach Hilfe zu rufen war ihm unmöglich, so blieb ihm nichts übrig, als sich seinen Feinden zu ergeben.
Als er in solcher Weise vertheidigungslos gemacht worden war, vernahm er plötzlich eine Stimme neben sich, die in höflichem Ton die Frage an ihn richtete, ob er sein Ehrenwort geben wollte, sich in keiner Weise den weiteren Maßnahmen mit ihm zu widersetzen, alsdann sollte er von den Fesseln und der Kapuze befreit werden; doch müßte er es sich gefallen lassen, daß ihm eine Binde über die Augen gelegt würde, die er erst in einem gewissen Zeitpunkt, den man ihm später bezeichnen werde, ablegen dürfte.