Vergebens erwartete Römer's Diener seinen Herrn. Die Nacht ging dahin, der Morgen kam, ohne daß der Graf erschien. Dadurch in hohem Grade beunruhigt, forschte er nach demselben umher, ohne daß man ihm irgend welche Aufklärung über dessen Verbleib geben konnte. Da der Diener Römer's Besuch im Palais nicht kannte, so gerieth er auch nicht auf den Gedanken, sich daselbst zu erkundigen; doch suchte er des Grafen Freunde auf und theilte ihnen die beunruhigende Nachricht mit. Man sah sich in Folge dessen veranlaßt, allerlei Nachforschungen nach Römer anstellen zu lassen, ohne daß dieselben irgend ein befriedigendes Resultat ergaben. Zwar hatte man den Grafen auf seinem Ausritt noch gesehen; an welchem Ort er jedoch den Abend zugebracht und weshalb er sich aus der Stadt entfernt hatte, wußte Niemand. Denn von seiner Verhaftung schien man nirgends eine Ahnung zu haben. Nachdem der Diener auch den folgenden Tag vergeblich auf die Rückkehr seines Herrn gewartet hatte, begab er sich nach der Besitzung desselben, um die Gräfin mit Allem bekannt zu machen und ihr die weiteren Maßnahmen anheim zu stellen.
Das räthselhafte Verschwinden des Grafen wurde in der Residenz, namentlich in den höheren Kreisen, vielfach besprochen. Allerlei Vermuthungen machten sich geltend, ohne daß man doch auf diejenige der gewaltsamen Verhaftung gerieth. Wie hätte das auch anders sein können? Der edle Charakter und das Leben des Grafen waren viel zu bekannt, um irgend welche bedenkliche Verwicklungen voraussetzen zu können. Und so sah man sich außer Stande, eine bestimmte Meinung darüber zu hegen oder gar auszusprechen. Eben so wenig brachten die nächsten Tage irgend welche Aufklärung. Die Anordnungen zu der Verhaftung mußten in so guter Weise getroffen worden sein, daß ein Verrath derselben unmöglich war, und selbst der Zufall schien die ursprüngliche Absicht in keiner Weise beeinträchtigt zu haben. Zu Sidonien drang das Gerücht von ihres Freundes Verschwinden erst am Abend des nächsten Tages, und zwar erhielt sie die Nachricht davon durch Frau von Techow, welche Aurelie besucht und dieser dieselbe mitgetheilt hatte. Es darf kaum bemerkt werden, in wie hohem Grade die Freundinnen dadurch bestürzt gemacht und niedergebeugt wurden.
Sidonie war verzweifelt; denn es war ihr sogleich ersichtlich, daß nicht ein Unfall etwa, noch auch die Nothwendigkeit, sondern lediglich eine geheime Gewalt des Grafen Entfernung herbeigeführt haben müßte. Denn sie wußte nur zu wohl, wie der Letztere seine Gegenwart in dieser so wichtigen Zeit für unumgänglich nothwendig erkannt hatte; er daher freiwillig den Ort nicht verlassen haben konnte. So viel es ihr die Verhältnisse gestatteten, ließ sie im Geheimen nach ihm forschen, ohne jedoch irgend etwas von Belang zu erfahren.
Man sagte ihr, daß der Fürst dieser Angelegenheit keine Bedeutung schenkte; ebenso der Prinz.
Sie schienen dieselbe lediglich als eine Privatsache zu betrachten, und so wurden daher auch nicht die geringsten Maßnahmen zur Entdeckung des Urhebers dieser That getroffen, obgleich das Ansehen des Grafen den Hof dazu wol hätte veranlassen müssen. Sidonie hatte sofort durch Aurelie Römer's Mutter mit dem Vorfall bekannt machen und ihr die Vermuthung einer geheimen Verhaftung andeuten lassen, um ihr einen Fingerzeig über die dieserhalb zu thuenden Schritte zu geben.
Ehe hierauf noch eine Antwort erfolgte, wurde sie jedoch bereits durch die bedeutsamsten Vorgänge herausgefordert.
Es waren etwa drei Tage nach des Grafen Haftnahme dahin gegangen, als Boisière bei ihr erschien und ihr im Namen des Fürsten eine Einladung zu einem Besuch um eine bestimmte Zeit überbrachte.
Mit großer Freude begrüßte sie dieselbe in der Voraussetzung, daß dadurch der peinigenden Ungewißheit, in der sie bisher gelebt und welche des Grafen Verschwinden überaus erhöht hatte, nun endlich beseitigt und zugleich das unheimliche Dunkel gelichtet werden sollte, welches über die möglichen Maßnahmen des Fürsten gebreitet war. Vor Allem jedoch beglückte sie die Hoffnung, des Freundes Schicksal zu erfahren und, falls es geboten war, für dessen Interesse wirken zu können. Bis zu der Unterredung mit dem Fürsten blieben ihr noch mehre Stunden, und sie benutzte dieselben, um sich während dessen auf die erstere vorzubereiten, wobei sie Aureliens liebevoller Rath wesentlich unterstützte.
Daß die Unterredung mit dem Fürsten für sie von hoher Bedeutung und der Gegenstand derselben ihr Interesse für Römer sein würde, war für sie keine Frage mehr. Zweifelhaft blieb es allerdings, in welcher Art der Fürst das letztere zu behandeln für gut fand, so wie, in wie weit seine Kenntniß davon reichte. Ihres Erachtens konnte er lediglich durch Zuträger irgend etwas erfahren haben, und sie erachtete den Fürsten für zu gerecht, um voraus zu setzen, daß er demselben ein besonderes Gewicht beilegen würde. Auch glaubte sie in seiner Achtung so hoch zu stehen, daß es nur ihres Erscheinens und ihrer offenen Worte bedürfte, um ihn zu der Einsicht zu leiten, wie schlecht er bedient worden sei. Diese Annahme, mehr jedoch noch das Bewußtsein ihrer Schuldlosigkeit ermuthigten sie, und als der Zeitpunkt zu dem Besuch nahte, begab sie sich mit größerer Ruhe, als sie zu besitzen gefürchtet hatte, zu dem Fürsten. Als sie bei ihm eintrat, fand sie ihn nicht anwesend, sondern er erschien erst nach mehren Augenblicken und begrüßte sie mit kalter Höflichkeit.
»Es sind,« begann er, nachdem er sich nieder gelassen hatte, in gemessenem Ton und ohne die Prinzessin anzublicken, »seit unserer letzten Unterredung über die Ihnen bekannte Angelegenheit so höchst wichtige Dinge zu meiner Kenntniß gekommen, daß ich mich mit Rücksicht darauf veranlaßt gesehen habe, Ihnen dieselben vorher mitzutheilen, bevor ich die dadurch gebotenen Schritte thue. Ich bin dazu durch das Vertrauen zu Ihrer Offenheit und Wahrheitsliebe bestimmt worden, von denen ich eine rückhaltlose Erklärung erwarte —«