»Wer dürfte es wagen, mir einen solchen Vorwurf zu machen?!« rief Sidonie voll Entrüstung aus.
»Ich, Ihr Fürst!« fiel dieser mit Schärfe ein, erhob und begab sich nach einem Schreibtisch, aus welchem er ein Päckchen nahm, mit welchem er zu Sidonien zurück kehrte und es ihr mit den Worten einhändigte: »Hier sind die Beweise dafür!«
Zitternd vor innerer Bewegung öffnete Sidonie dasselbe, und kaum hatte sie einen Blick auf den Inhalt gethan, so stieß sie einen Schrei jäher Ueberraschung aus; sie erblickte das ihr geraubte Portrait des Grafen und den von ihr an ihn gerichteten Brief.
»Ihr Verhalten zeigt mir zur Genüge, daß Sie diese Dinge für Ihr Eigenthum anerkennen,« bemerkte der Fürst kalt und scharf.
»Ja, mein Fürst, dieses Portrait gehört mir und diesen Brief habe ich an den Grafen geschrieben. Aber ich erkenne mit Entrüstung, daß man sich der niedrigsten Mittel bedient hat, um sich in den Besitz dieser Dinge zu setzen und daraus die Motive zu einer Anklage gegen mich zu schöpfen, da Ihnen mein Leben bisher dazu keine dargeboten hat.«
»Sie irren in der letzteren Voraussetzung; es sind Zeugen vorhanden, die Ihren vertraulichen Umgang mit dem Grafen im Bade beobachtet haben. Sie haben sich der höchsten Verletzung Ihrer Ehepflichten schuldig gemacht und so mögen Sie denn auch die Folgen Ihres Handelns tragen!«
»Ein freundschaftlicher Umgang mit einem edeln Manne sollte mir nicht gestattet, sollte eine schwere Uebertretung meiner Pflichten sein?« fragte Sidonie voll Entrüstung, indem ihr ganzer Muth in der Erkenntniß zurück gekehrt war, daß es sich für sie in diesem Moment um das Höchste, um ihre Ehre, handelte. »Wie, mein Fürst, während sich der fürstliche Gemahl nicht scheut, sich vor aller Welt eine Buhlerin zu halten, der er offen huldigt, soll es seiner Gemahlin nicht gestattet sein, sich an dem Umgange gebildeter Männer zu erfreuen? Wie, mein Fürst? Oder sollen etwa die Fürsten das Privilegium rücksichtsloser Sittenlosigkeit besitzen und sollte ihren Leidenschaften keine Schranke gesetzt sein, ihnen, welche ihrem Volk in Sitte und Leben ein Vorbild sein sollen? Und dieses Privilegium sollte so weit ausgedehnt werden, daß sie auch selbst ihren Gemahlinnen keine Berücksichtigung schenken dürfen, ja, daß es diesen trotz alledem nicht einmal gestattet sein soll, sich in einem harmlosen Umgang mit Anderen eine Freude zu suchen? Woher schöpfen denn die Fürsten diese Freiheit? Aus der Willkür und weil sie Niemand über sich wissen, während die von ihnen eingesetzten Richter doch den einfachen Bürger, der sich dergleichen Vergehen vor Sitte und Gesetz schuldig macht, verurtheilen? Was das Weib niederen Standes von ihrem Gatten verlangt und verlangen darf, sollte dennoch fürstlichen Gemahlinnen vorenthalten sein? Die Ehe sollte, mein' ich, unter allen Verhältnissen und in allen Ständen als gleich würdig betrachtet werden. Das scheinen die Fürsten jedoch anders zu beurtheilen. Fordern sie durch ein solches Verhalten nicht ihre Frauen zur Nachahmung heraus, und wenn diese erfolgt, wagen sie es obenein, über die Verleiteten zu Gericht zu sitzen, und selbst Unbedeutendes und vor dem Sittengesetz Gestattetes zu verdammen! So weit ist die Selbstsucht, so weit die Willkür ausgeschritten?!«
»Ich bitte, sich zu mäßigen!« fiel der Fürst fast drohend ein.
»Würde ich mich mäßigen, mein Fürst, so könnten Sie leicht Mißtrauen in meinen Charakter setzen, so könnten Sie leicht auf den unheilvollen Gedanken gerathen, mit einer Schuldigen zu sprechen. Doch meine Seele ist rein, keine meiner Pflichten verletzt worden, trotz meiner Liebe, trotz der Beweise derselben, die man mir in berechneter Weise geraubt hat, um daraus meine Schuld zu begründen.«
»Sie wollen dieses nicht anerkennen; ich sage Ihnen jedoch, daß eine Frau, die dergleichen hegt, die so zärtliche Briefe an einen andern Mann schreibt und diesen selbst zu einem tête-à-tête wiederholt empfängt, kein Recht besitzt, von ihrer Schuldlosigkeit zu sprechen. Dergleichen Dinge lassen auf mehr als eine platonische Liebe schließen, lassen mit Bestimmtheit behaupten, daß sie nur eine Folge zärtlichster Zuneigung und Hingabe sind. Wie viele dergleichen Beweise ihrer gegenseitigen Leidenschaft mögen noch vorhanden sein, die nicht zu meiner Kenntniß gelangt sind. — Die Liebe ist eine Leidenschaft, die sich nicht im Dulden und Verzichten glücklich fühlt, sondern nach Vereinigung drängt und dann erst ihre Befriedigung fühlt. So ist es auch bei Ihnen gewesen; aus dem Einzelnen schließt man auf das Ganze, und ich wüßte nicht, warum Sie gerade eine Ausnahme gemacht haben sollten, besonders da Sie ein solches Recht für sich in Anspruch nehmen. Vielleicht hat Sie dieser Irrthum schwach gemacht, ich will es glauben. Doch irren Sie, wenn Sie für die Frauen dieselbe Freiheit verlangen, wie sie der Mann genießt, und in diesem Irrthum beruhen Ihre Ansprüche. Die Frauen, Prinzessin, sind nur das, was sie sind, die Mittel bestimmter Zwecke; ihr Reich das Haus und die Familie; das sollen sie in Bescheidenheit anerkennen und darum auch nicht mit ungebührlichen Forderungen an den Mann herantreten. Und dieses vor Allem die Frauen der Fürsten, und wenn Sie vorhin bemerkten, daß diese die Aufgabe hätten, dem Volk vor allen Dingen als Vorbild zu gelten, so erinnere ich Sie, daß man dasselbe noch mehr von den Fürstinnen verlangen darf. Und somit, dächte ich, wäre in dieser Angelegenheit das letzte Wort gesprochen.«