»So bin ich überzeugt, daß es geschehen ist,« fiel Sidonie ein und fügte alsdann mit Nachdruck hinzu: »Wie tief beklage ich es, daß Sie sich zu so gewaltsamen Maßregeln bewogen gefunden haben; diese wären in der That nicht geboten gewesen, da der Graf weit entfernt war, sich irgend welcher Verantwortung zu entziehen. Er theilte mir mit, daß man ihn auf die ihm drohende Gefahr aufmerksam gemacht hätte, er der Warnung jedoch kein Gehör schenken würde, sondern es für Pflicht und klug erachtete, die Stadt nicht zu verlassen. Bedenken Sie das, mein Fürst, und erwägen Sie zugleich, daß, fühlte sich der Graf schuldig, er Zeit genug besaß, sich in Sicherheit zu bringen. Sie müssen mir dies zugestehen und ebenso, daß eine solche außerordentliche Maßnahme an einem Mitgliede einer der geachtetsten Familien des Landes kaum von der öffentlichen Meinung gebilligt werden dürfte, und bitte Sie, den Grafen frei zu geben, indem ich Sie nochmals versichere, daß es Ihnen nie gelingen wird, des Grafen Schuld zu begründen.«

»Daß Ihre Sorge zunächst den Mann Ihrer Liebe bedenkt, scheint mir natürlich; dies pflegt stets so zu sein. Doch bemühen Sie sich vergeblich und scheinen zu übersehen, daß meine Maßnahmen stets genau erwogen sind, und ich weit entfernt bin, über die Folgen derselben besorgt zu sein. Erinnern Sie sich dessen stets, und meine Worte mögen Ihnen zugleich sagen, daß die auch für die Folge zu treffenden Arrangements unter ähnlichen Umständen hervor gehen werden.«

»Ich will dies thun und kann es mit der ganzen Ruhe eines schuldlosen Herzens,« entgegnete Sidonie ruhig und voll Selbstgefühl. »Wenn unter solchen Verhältnissen auch unsere Unterredung ihr Ende gefunden hat, so kann ich dennoch nicht von Ihnen scheiden, mein Fürst, ohne Ihnen meine Ansichten über diese Angelegenheit auszusprechen. Ich bin überzeugt, das Opfer Ihrer Staatspolitik zu werden, trotz meiner Unschuld. Sie besitzen die Gewalt, ich keine Mittel zur Vertheidigung, da Sie mich schuldig wissen wollen

»Welche unerhörte Zumuthung!« rief der Fürst entrüstet.

»Lassen Sie mich gnädigst vollenden, mein Fürst! Ich weiß, daß ich nicht mehr eine Gelegenheit finden werde, zu Ihnen also zu sprechen; darum will ich auch nicht von hier scheiden, ohne Ihnen zu erkennen zu geben, daß Ihnen sowie dem Prinzen der Verrath meiner Liebe sehr zu statten kommt. Ueber das »Wie« will ich schweigen. Ich weiß, daß es Sie sehr verletzt haben würde, wäre der Prinz genöthigt gewesen, sich als Schuldigen zu bekennen; darum auch Ihre Abneigung gegen die Trennung der Ehe. Sie sind jetzt von dieser Besorgniß befreit worden, indem Sie sich Beweise von meiner Schuld verschafften. Jetzt liegt die Sache umgekehrt, und daß Sie das nicht übel aufnehmen, haben mir Ihre Worte, noch mehr Ihre Neigung, mich als schuldig zu erkennen, verrathen.«

»Sie stellen meine Geduld in der That auf die Probe! Was berechtigt Sie zu dergleichen unerhörten Voraussetzungen?!« fiel der Fürst ein.

»Ich würde wiederholen müssen, was ich soeben gesagt habe. Wie Sie über mich und mein Verhalten denken, glaube ich zu wissen; denn ich müßte mich in Ihrem Charakter getäuscht haben, sollte ich mich irren. Ich weiß jedoch auch, daß Ihnen das Interesse des künftigen Regenten und Ihres Verwandten höher steht, als dasjenige einer Frau, die für Sie nur eben das ist, was sie ist, und die für Sie im Hinblick auf die Staatsvortheile nicht in Betracht kommt. Sie haben das soeben zu erkennen gegeben. Meine Absicht, warum ich dies Alles vor Ihnen ausspreche, ist jedoch diese, Ihnen zu zeigen, daß ich eine Intrigue durchschaut habe, der, wie ich zu meinem Bedauern soeben vernommen, auch selbst Sie trotz Ihres klaren Blicks unterliegen und — — unterliegen wollen. Sie können nun über mein Schicksal bestimmen, Sie können mich verurtheilen und den Mann meiner Liebe kränken: dies Alles wird mich jedoch nicht beugen, sondern nur die betrübende Ueberzeugung in mir befestigen, daß Sie dem Staatsinteresse mit seltener Selbstverleugnung dienen.«

»Sie haben ohne Bedacht gesprochen und nicht erwogen, daß Stolz und Ueberhebung in Ihrer Lage am wenigsten geeignet sind, dieselbe zu bessern und mich in Ihrer Beurtheilung milder zu stimmen!« fiel der Fürst, durch Sidoniens zutreffende Worte, deren Eindruck er sich nicht zu erwehren vermochte, in hohem Grade unmuthig gemacht, erregt ein.

Sidonie ließ sich dadurch jedoch nicht einschüchtern. In der Erkenntniß des zu Ihrem Verderben gesponnenen Bubenstücks und der Nothwendigkeit, auch den leisesten Schein einer Schuld von sich abzuweisen und dadurch auch zugleich die Ehre des Grafen zu retten, war ihr rasch Sammlung, Kraft und Klarheit gekommen, die sich im Lauf der Unterredung mehr und mehr steigerten und sie endlich in dieser Hinsicht mit dem Fürsten gleichstellten, ja über denselben sogar ein gewisses Uebergewicht in dem Augenblick gaben, als sie die Wirkung ihrer Worte auf ihn errieth. Es war für sie kein Zweifel mehr, daß er sich durch ihre Erkenntniß der, wie wir später erfahren werden, in der That gesponnenen geheimen Intrigue um so mehr getroffen fühlte, da er sie nicht abzuleugnen vermochte.

Dieser Umstand gewährte ihr einen nicht geringen Vortheil, und sie zögerte nicht, denselben in ihrem Sinn zu benutzen, und so entgegnete sie fest und ruhig: